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Bangkok Die Boeing sackte von einem Luftloch ins nächste und an der Gelassenheit der Crew konnte man sehen, dass dies nichts ungewöhnliches war. Die Gesichter der Passagiere zeigten ein anderes Bild und mir war es jedenfalls egal. Nicht ganz egal. Ein fester Kater saß mir im Nacken und der Magen war etwas flau, aber grundsätzlich mochte ich Turbulenzen so lange, als es die Crew nicht in ihre Sitze zwang. Solange die Flugbegleiter freundliche Nasenlöcher machten war die Flugwelt für mich in Ordnung. Wir landeten für mich relativ unerwartet. Vor lauter herabstürzendem Wasser und dicken Monsunwolken konnte man durch das Fenster nichts erkenne, erst fühlte sich die Langung wie ein weiteres Luftloch an und doch waren wir schon am Boden. Harte Landung ist sichere Landung, so zumindest hat es mir jemand mal erzählt. Soll so sein. Die Passagiere hatten es nach 10 Stunden eilig das Flugzeug zu verlassen und drängten zum Ausgang. Mich drängte nichts und so blieb ich sitzen. Die Maschine hatte an einem der Passagierfinger angedockt und so erreichten wir trockenen Fußes das Flughafengebäude. Schlangen bei der Passkontrolle, keine beim Zoll, schnell ein paar Dollar in Bath gewechselt und schon chauffierte mich ein freundlicher Taxilenker durch den strömenden Regen in Richtung Stadt. „Toll“ – der Taxifahrer riss mich aus meinem Nickerchen. Was war toll oder wer war es. Ich kannte mich nicht aus. Wir standen vor einer Schranke. Ah, Maut, wir mussten Maut zahlen und er verlangte dass ich es zahle, also zahlte ich und weiter ging es mit Regen, Regenfontainen, Regenlacken, Stau, Regen und ich mützte wieder ein. Der nächste der meinen Schlaf störte war der Hotelportier des Hotels in Bangkok
der mir die Autotür aufmachte und mich herzlich willkommen hieß. Der Taxifahrer bekam den Fuhrlohn, der Portier ein Trinkgeld und schon befand ich mich in einer Bahnhofshalle die sich Hotellobby schimpfte. Unendliches Ausfüllen, Anmeldeformular, Frühstücksgutscheine, Kreditkartenbeleg. Auf mein Zimmer, bitte. Es recht mir. Die Dame an der Rezeption erhört mein wortloses Flehen und drückt mir eine so genannte „Keycard“ in die Hand. Ein Schlüssel im Kreditkartenformat, an einem Ende gelocht.
In den 11 Stock, Karte in den Schlitz und ich bin endlich auf meinem Zimmer. Die Reisetasche lasse ich vor mir auf den Boden plumpsen, schiebe sie mit einem sanften Tritt in Zimmermitte, lass mich bäuchlings aufs Bett fallen. Es ist gerade mal 16.00h und bereits tiefe Nacht. Der Monsun verhängt den Himmel dermaßen dass nicht das geringste Sonnenlicht durchkommt. Es schaut aus wie Nacht also werde ich mal eine Runde schlafen, denke ich mir und schon bin ich weg. Mitten durch konfuse Träume kopulierender Wesen, halb Mensch halb Tier dringt ein „Ding Dong“ in mein Bewusstsein. Noch tief in den Traum verstrickt versuche ich meine Sinne zu sortieren und raus zu finden wo ich bin. Nicht schnell genug. Das Licht geht an und eine lächelnde Thai steht vor mir. Land des Lächelns eben. „Sorly Sir, make up bed please“ Wieder mal keine Ahnung was sie will. Mittlerweile stehe ich vor ihr und lass sie gewähren. Sie wuselt um das Bett herum und zieht die Tagesdecke weg, legt sie zusammen und lässt sie in einer Truhe verschwinden, die als Sitzbank getarnt vorm Bett steht. Dann auf jeden Polster ein Schokostück und weg ist sie. 19.30h zeigt der Radiowecker in roten Digitalzahlen. Der Abend ist jung und die Minibar voll. Ich hol mir eine Dose Bier und eine kleine Flasche Whiskey raus und beginne mich ganz gemütlich zu betrinken. Dazu eine Dose Erdnüsse und ein paar Marlboros. Supergemütlich, nur will ich wirklich meine erste und einzige Nacht in Bangkok auf dem Hotelzimmer verbringen? Wenn ich aber beim Trinken bleibe wird es so sein. Also. Stopp. Ab in die Dusche und raus hier. Ich leer das Whiskeyglas und spüle mit einem Schluck Bier. Die restliche Flasche stelle ich zurück in die Minibar.
Minutenlang stehe ich unter der Dusche . Das Wasser fließt über meinen Scheitel hinweg auf meinen Körper und ich genieße es. Als die Hände schon schrumpelig werden verlasse ich die Duschkabine.
Noch ein Schluck Whiskey aus der Flasche, T-Shirt über den Kopf und rein in die Jeans. Abmarsch.
Der freundliche Portier pfeift nach einem Taxi, welches sich auf der anderen Straßenseite umgehend in Bewegung setzt und unter dem Flugdach über dem Eingang anhält. Der Portier sagt dem Taxifahrer wohin es gehen soll. außer „Patpong“, dem Ziel diesen Abends verstehe ich nichts. Muss auch nicht.
Patpong ist eine Strasse die Markt und Vergnügungsviertel gleichzeitig ist. Markstände mit allem was man irgendwie fälschen kann, Restaurants und Go Go Bars – sagt das Bordmagazin am Flieger. Also genau richtig. Es schüttet in Strömen und außer angelaufenen Scheiben ist erst einmal nichts zu sehen. Wir schieben uns durch Regen und stockendem Verkehr. „Sukumvit always bad“ Sukumvit – wer das wohl sein mag, der Regengott, seine Frau oder sonst wer. Keine Ahnung was er mir sagen will. Später erst werde ich kapieren, dass es einfach der Name der Strasse war. Nach langem stauen durch finstere Gassen kann ich ein Mc Donalds Logo durch die angelaufene Scheibe sehen und Freund Taxifahrer hält an. „60 Bath please“ Gerne, ich zahle und stehe auch schon im strömenden Regen vor einem Mc Donalds. Mc Donalds, Essen, Hunger. Die Assoziationskette löst ein leichtes Leeregefühl in der Magengegend aus. Aber ein Burger muss es doch nicht sein.
Trotz des strömenden Regens drängen sich hunderte Menschen durch die schmalen Durchlässe zwischen den Marktständen. Uhren, Taschen, T-Shirts. Rolex, Gucci, Lacoste. Alles was einen guten Namen hat wird hier angeboten und nichts ist echt. Copyright heißt „You have the right to copy“. Tiefer dringe ich in die Tiefe der Strasse vor, die jetzt von Bars gesäumt ist. Bunte Neonreklame verspricht Vergnügen der fleischlichen Art. Pussy Gallore, Firefox, Kings Garden, Lipstick heißen sie. Die offenen Eingangstüren lassen einen Blick auf Bühnen mit GoGo Girls erhaschen, die Keiler halten einem Menuekarten unter die Nase. „Ping Ping Show, Banana Show, No Covercharge Sir, Singha only 30 Bath“ Danke, ich bin hungrig. Hungrig auf was essbares und nicht auf das Fleisch, dass hier geboten wird. Zwischen all den GoGo-Bars dann ein viel versprechendes Schild „Peppermint“. Am Gehsteig davor ein paar kleine Tische mit Touristen, die hier Bier trinken und das Treiben verfolgen, eine Schwingtür führt ins Innere. Laute Musik, Rote Lederbänke die aus Plastik sind und keine Tänzerinnen. Die Speisekarte liegt am Tisch und unter den Thainamen steht eine kurze Erklärung auf Englisch. Chicken with Cashewnuts, Spicy Soup with Prawn, Green Beef Curry. Keine Ahnung wie das alles schmeckt also entscheide ich mich nur für das Fleisch, dass dabei sein soll. Beef klingt gut – also, go for it. Ein freundlicher Thai nimmt die Bestellung auf und nach wenigen Minuten steht ein Bier, ein Teller mit Reis und eine Schale mit viel Sauce vor mir. Schaut eher wie Suppe aus, aber was soll es. Ich gieße mir einen Löffel voll geschnetzeltem Rindfleisch über den Reis und koste vorsichtig. Es schmeckt ausgezeichnet und die Welt ist in Ordnung.
Nach dem Essen dränge ich mich noch ein wenig durch den Markt. Der Regen hat aufgehört und letzte Tropfen lassen sich von Mauervorsprüngen und Dächern auf die Erde oder Köpfe der Menschen platschen. Am Boden stehen glänzende Lacken in denen sich die Neonzeichnungen der GoGo Reklame spiegeln. Alles ist etwas ruhiger geworden. Ich kaufe von einem Thaimädchen mit Bauchladen eine Schachtel Zigaretten, als ich dabei bin, das Wechselgeld in die Hosentasche zu knüllen spüre ich einen sanften Griff um meinen Oberarm. „Sir, come here, have a look“ Ein älterer Thai lächelt mich an und öffnet eine schmale Türe hinter ihm. Versteckt zwischen einem Ständer mit Sonnenbrillen auf der einen und einem Ständer mit falschen Luis Vuitton Taschen auf der anderen. Ein vergilbtes Schild nennt den Namen „Rose Bar“. Es ist eine kleine, schmutziggelbe Tür, kaum hoch genug, dass ich aufrecht durchgehen könnte. Dahinter beginnt ansatzlos eine schmale Treppe mit zerschlissenem, rotem Teppich in den ersten Stock zu führen. „Come in, have a look“. Ehe ich noch zum überlegen komme setzten meine Beine schon einen Schritt vor den anderen und führen mich die steile Treppe hinauf. Am Treppenende erwartet mit eine Frau im Frack. Rote, hochhackige Schuhe, schwarze Netzstrümpfe und ein Lächeln. Die Empfangsdame ist uralt und aus ihrem faltigem Gesicht leuchtet ein Goldzahn. Sie schiebt einen schweren Vorhang zur Seite und schiebt mich in einen Barraum, eher ein langer Schlauch an dessen Ende sich eine Bar befindet. Entlang der Längswände zieht sich eine durchgehende Sitzbank mit kleinen Tischchen davor. Da und dort sitzen ein paar Mädchen in Bikinis und dazwischen ein paar Langnasen, Falang, wie die Thais die Europäer nennen. Die Empfangsdame bugsiert mich auf die Bank und fragt mich nach meinem Getränkewunsch. Whisky mit Soda. Mein Drink ist noch nicht da, als sich schon zwei halbwüchsige Thaimädchen anpirschen. „Hello, what is your name, you buy us drink?” Soll sein, ich stimme zu und eine von den beiden schwirrt ab, die andere setzt sich neben mich. „First time Bangkok, how long you stay, which hotel you stay“ sind so die Sätze die ich verstehe. Der Rest dürfte ähnlich gelagert sein, dringen aber leider nicht zu mir durch. Mittlerweile ist die zweite mit allen Drinks zurückgekommen, steckt einen Zettel in ein Glas am Tisch und setzt sich an meine linke Seite. Nochmals die gleichen Fragen. Ich rauche und es wird mir lästig. Zahlen bitte. Das Mädchen an der Linken steht auf, hält mir den Zettel aus dem Glas hin. 150 Bath für alles. Ich gebe ich zwei Hunderter und sie stöckelt Richtung Bar. „Sorly you go. Maybe come with you”. Die Rechte versucht sich in mein Hotel einzuladen. „Sorly no“ Echt kein Bedarf. Das Wechselgeld kommt auf einem silbernen Tablett und die verbliebene Thai sucht das weite. Ich stecke das Wechselgeld ein und will aufstehen, als sich die goldbezahnte Platzanweiserin auf den Hocker vorm Tisch setzt. „Why you go, you don´t like here. This place is good for you. Other places no good for you. The two girls can come with you, take care of you. Tomorrow you go direct to Trunyan, Iris is waiting for you.” Aus einem breiten Grinsen blinkt mich ihr Goldzahn an. Raus, ich muss hier raus. Ich springe auf, stürze Richtung Ausgang, verfange mich noch im schweren Vorhang und falle fast die Treppe hinunter. Der alte Thai hält die Türe auf und eine Sekunde später hat mich das Gewühl der Patpong wieder. So schnell es geht dränge ich mich zurück zum McDonalds und dort in ein Taxi. Nur schnell ins Hotel, nur schnell weg hier. Erst als ich mich im Taxi halbwegs beruhige wird mir klar, dass es nichts zum Aufregen gibt. Wie oft war ich jetzt schon durch Türen gegangen. Wie oft habe ich nun schon ähnliche Dinge erlebt. Und letztlich hat sie mir eine Information gegeben. Iris ist in Trunyan. Aber das war mir klar.
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