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Baum aufs Dach
Kurz nach 08.00h treffe ich bei Johanna ein. Superfrüh für Samstag Morgen. Rosa hat Kaffee, frische Semmeln, Schinken und Käse hergerichtet. Vor der Arbeit muss ordentlich gefrühstückt werden. Ich habe keinen Appetit und trinke nur zwei Tassen schwarzen Kaffee, was mir eine Rüge von Rosa einbringt, morgens muss man ordentlich essen, wenigstens eine Buttersemmel. Ich verneine dankend. Joachim schlingt zwei Semmeln mit Schinken hinunter und schüttet ein Glas Milch hinterher. Wir sollen ruhig noch sitzen bleiben, er muss noch das notwendige Werkzeug richten. Nachdem in der Küche nicht geraucht wird, gehe ich mit ihm und stecke mir eine Marlboro an. Joachim hat eine Motorsäge organisiert und holt jetzt Seile, Hacken und alles mögliche andere Zeugs aus dem Keller. Ich helfe ihm alles hinter das Haus zu bringen.
Ich sehe Johanna das erste Mal die Haare zu einem Zopf gebunden, sie hat eine Jeans-Latzhose und ein kariertes Hemd an und wirkt sehr streng. Ihr Lächeln entkräftet diesen Eindruck sogleich. Rosa hat sich einen grauen Arbeitsmantel übergezogen und so harren wir erwartungsvoll der Dinge die da kommen mögen.
"Das wichtigste ist, dass der Baum nicht auf das Dach fällt, also müssen wir die Seile befestigen und ihn, sobald er umgeschnitten ist, in die andere Richtung lenken". Mit bestimmter Stimme teilt Rosa uns mit, was allen klar war. Der Baum durfte nicht aufs Dach fallen.
Wir lehnen eine Leiter an den Baum und Joachim steigt hinauf um die Seile zu befestigen, insgesamt drei, wieder herunten startet er die Motorsäge und beginnt dem Baum zu Leibe zu rücken. Er schneidet einen Keil nach dem anderen aus dem Stamm. Der Baum bewegt sich keinen Millimeter. Und das ist gut. Von Zeit zu Zeit ziehen wir an den Seilen. Nichts. Keil um Keil. Ziehen. Nichts. Noch ein Keil, jetzt ist Joachim noch nicht einmal durch die Hälfte des Stammes durch, und doch beginnt sich der Baum plötzlich knarrend zu beugen. Überrumpelt durch diese unerwartete Wende im Geschehen behindern wir uns gegenseitig im Bemühen, zumindest eines der Seile zu greifen um die langsame, aber stete Bewegung der Baumkrone in Richtung Dach zu stoppen. Johanna erwischt als einzige ein Seil, Rosa versucht, sich nach einem Sturz aufzurappeln, ich erreiche das Seil von Johanna, der Baum schlägt gegen dass Dach. Als ob er sich mit seinen Ästen festklammern wolle um damit seinen Fall zu verhindert, streicht er die ganze Länge des Daches entlang, reißt krachend, brechend, splitternd Ziegel mit sich um schließlich mit einem dumpfen Aufschlag resignierend am Boden zu liegen.
Joachim hält noch immer die laufende Motorsäge in der Hand, Rosa auf allen Vieren in der Wiese. Johanna, das Gesicht zu einer "So hab ich mir das vorgestellt"-Grimasse verzogen, streicht über ihre Handfläche, wo das Seil eine rote Schürfspur hinterlassen hat. Ich schaue auf das Dach, auf welchem die ganze Aktion ein ordentliches Loch hinterlassen hat. Soviel hätte ein stehender Baum in fünf Jahren nicht ruiniert.
"Selbst Schuld, er hätte es schon lange besser machen können". Rosa versucht sich bereits in Erklärungen, welche mit K.'s Rückkunft erforderlich, jedoch nur wenig hilfreich sein würden.
Wir versuchen, zumindest der Verwüstung am Boden Herr zu werden, Joachim trennt dem Baum zuerst Ast für Ast ab, um ihm schließlich mit stummer, verbissener Wut an den Stamm zu rücken. Rosa, Johanna und ich stapeln das Holz schweigend in die hinterste Ecke des Gartens und sammeln schließlich Rinde, Laub und kleine Äste ein, welche wir in einer Blechtonne verbrennen.
Mittlerweile ist es Nachmittag und ich verspüre Hunger, womit ich aber der einzige bin, die anderen sind in ihren Köpfen mit der Rückkehr K's. beschäftigt, welche sehr bald erwartet wird.
"Ein Wort nur, nur ein Wort, aber ich erfahre ja nichts in diesem Haus. Nur ein Wort und ich wäre da gewesen und alles würde jetzt anders aussehen. Aber mit so einer Sippschaft ist alles hoffnungslos. Hat die gnädige Frau gedacht sie kann alles besser, alles alleine machen. Nur ist sie leider zu blöd. Aber man hat ja einen Mann der alles zahlt, alles wieder reparieren lassen kann, du glaubst wohl ich scheiß dass Geld, um deine Blödheiten wieder gut zu machen. Selbst die Freunde vom Herrn Sohn wissen bereits mehr als ich. Was ist das, eine Verschwörung oder was? Es reicht mir, es reicht". K. schreit das alles nicht hinaus. Seine Stimme ist nicht laut, aber sehr bestimmt. Er vermittelt das Gefühl, dass er jederzeit explodieren kann, er den Zeitpunkt selbst nicht zu bestimmen vermag. Ständig den hochroten Kopf schüttelnd, unverständliches in sich hineinmurmelnd stapft er über die Terrasse durchs Haus. Keine Minute später höre ich seinen Wagen starten und mit aufheulendem Motor die Gasse hinunterfahren.
Rosa steht mit hängenden Schultern und leblos baumelnden Armen in der Wiese. Tränen stehen in den Augen. Sie atmet tief ein, ein kurzer, unterdrückter Seufzer ist zu hören, wie in Trance geht sie Richtung Terrasse und verschwindet im Haus. Joachim wischt sich die Hände in die Jeans und geht Ihr nach. Johanna sieht mich für einen Moment entschuldigend an, nimmt mich bei der Hand und wir gehen ins Haus. Ich höre Rosa weinen und Joachim sie trösten. Wie gehen die Treppe hoch im Johannas Zimmer. Johanna gießt uns zwei "Black Lable" ein, ich stecke uns zwei Zigaretten an. Wir sitzen wortlos auf der Bank, Johanna mit dem Rücken an mich gelehnt, beide Beine fest mit den Armen an die Brust gezogen nimmt sie zwei, drei tiefe Züge und drückt die Zigarette in den Aschenbecher. "Komm, las uns abhauen".
Alles entwickelt sich gut, zu gut. Ich hatte nicht damit gerechnet nach nur so kurzer Zeit bereits diesen Status zu erreichen. Doch jetzt Vorsicht, unbedingt die Kontrolle über das Geschehen , über die entstehende Eigendynamik behalten, durch einen kleinen Teilerfolg nicht leichtsinnig werden. Es darf mir nicht entgleiten.
Ich war weit vor Plan. Plan? Es gab keinen Plan im Sinne von Zeitplan, auch nicht im Sinne von Vorgangsweise. Das Ziel war vorgegeben, der Weg unwesentlich. Zeit spielt keine Rolle, beeinflusst das Ergebnis nicht im Mindesten. Weder war klar, dass dieses momentane Stadium je erreicht werden würde noch war es wichtig das es erreicht wurde. Ohne diesen Punkt konkret anzustreben, ist er gefühlsmäßig bereits in einem sehr frühen Stadium eingetreten.
Bald wird das Pendel zur Gegenbewegung übergehen und ich werde diese einleiten. Werde die Gegenbewegung provozieren. Absolute Kontrolle. Sicherstellen dass das Geschehen jedenfalls willentlich, vielleicht sogar durch meinen Willen und keinesfalls durch Zufall geschah und weiterhin geschehen wird.
Wir fahren in Johannas Wagen. Die Abenddämmerung hat eingesetzt, wir haben keine Richtung, kein Ziel. Johanna erzählt und ich höre zu.
"Du musst den Eindruck haben, K. sei ein Tyrann. Er ist es nicht. Er ist autoritär, verankert in ein patriachisches Weltbild, in dem wurde er erzogen, ist er aufgewachsen. Für ihn ist nichts Falsches an seinem Verhalten, er glaubt ein guter Vater und Ehemann zu sein. Und aus seiner Sicht der Dinge hat er Recht. In seiner Jugend war die Frage der Selbstverwirklichung nicht gegeben. Es galt zu überleben, Arbeit zu haben und Essen. Das wir nun eine andere Zeit haben, dass es heute andere Bedürfnisse gibt ist an ihm schlicht vorbeigegangen.
Er kann nicht verstehen, dass Rosa der Haushalt mit zwei erwachsenen Kindern nicht genügt, dass sie arbeiten gehen will, ohne dass es eine finanzielle Begründung dafür gäbe. Er merkt nicht, dass er uns keinen Raum lässt, uns die Luft zum atmen nimmt. Er ist im Grunde herzlich und großzügig. Für Joachim und mich ein Auto, für Rosa Perlkette und Persianermantel. Aber keinen Widerspruch. Er gibt das Geld, er ist der Boss. Er kauft uns und nennt es Dankbarkeit, die er sich wohl erwarten darf.
Ich habe mich ein wenig von ihm gelöst. Für mich war es auch leichter. In mich hat er keine so große Erwartungshaltung gelegt. Ich bin ein Mädchen und meine Zukunft ist für Ihn klar. Er hat mir die Matura ermöglicht, damit ich einen halbwegs vernünftigen Übergangsjob bekommen kann, um in ein paar Jahren den Richtigen zu finden, zu heiraten und ihm Enkel zu schenken. Jetzt natürlich bin ich noch viel zu jung und die Männer wollen natürlich nur das eine von mir. Alle meine bisherigen Freunde waren nicht die Richtigen, denn der Richtige würde mit einem Heiratsantrag beginnen, er würde sich bei K. vorstellen und um meine Hand anhalten. Alles andere ist nicht seriös. Darum kommt für ihn auch kein Männerbesuch in Frage. Für mich ist das einfach. Ich erzähle nichts über meine Männer und damit hat es sich. Für Joachim ist die ganze Situation viel schwieriger. Er soll der Nachfolger sein und für weitere Nachfolger sorgen, er soll K.'s Geschäft übernehmen und zuvor natürlich noch hineinwachsen, zeigen dass er dazu im Stande ist. Wie du siehst ist nichts davon der Fall. Weder arbeitet er in Vaters Firma noch zeigt er nur irgendwelche Ambitionen, je dort zu arbeiten oder den Betrieb weiterzuführen. Zeigt sich aus K.'s Sicht überhaupt nicht lebensfähig, steck sein Geld in Kameras, Objektive, Stereoanlage, CD's, Platten und ähnliche unnütz Dinge, ein Mann über zwanzig zu sein und keine Freundin zu haben ist für ihn überhaupt suspekt und lässt auch nicht auf eine baldige Familiengründung hoffen. ‚Er sitzt auf Rosa's Schoß und bewegt sich keinen Zentimeter davon weg’, pflegt er zu sagen und macht damit auch Rosa Vorwürfe, die Joachim's Entscheidungen unterstützt und sich damit gegen K. stellt. In dieser Lage entfernt Joachim sich immer weiter von K. und bindet sich immer stärker an Rosa. Auch ich glaube, er sollte sich allmählich von Zuhause lösen, eigenständiger werden, ausziehen. Er würde damit auch mir helfen, endlich das OK für eine eigene Wohnung zu bekommen. Er sagt jedoch, er fühlt sich wohl Zuhause, was sicherlich auch mit Rosa zutun hat, der er bei Auseinandersetzungen mit K. den Rücken zu stärken glaubt. Auch da glaube ich, dass, sobald wir beide aus dem Haus wären, es weniger Auseinandersetzungen zwischen den beiden geben würde, denn sehr oft liegt der Grund einfach darin, dass Rosa für Joachim oder eben Joachim für Rosa Partei ergreift und dadurch Kleinigkeiten eskalieren..." "Ist das nicht Ernst". Ich unterbreche Johannas Monolog. Ein Auto hat uns überholt und hat den rechten Blinker eingeschaltet. "Was will der von uns?". "Weiß nicht Johanna". Er bleibt vor uns stehen und parkt sich ein, Johanna stellt ihren Wagen dahinter ab, Ernst steigt aus, Johanna kurbelt ihr Fenster hinunter. "Hallo Ernst, was gibt’s". "Was ist mit Joachim, hab ihn einige male angerufen, sagt, er geht nicht weg und ist ganz schlecht drauf, gibt es Probleme?". "Da musst du ihn selbst fragen". Johanna antwortet einsilbig. "Habe ich schon, aber keine Antwort". "Da kann dir leider auch nicht helfen". Johanna bleibt kurz angebunden. "Und was macht ihr, wo fahrt ihr hin". "Nur so in der Gegend rum". "Ist wohl heute der falsche Tag, wollen wir nicht auf einen Sprung ins Kaffee schauen?". Johanna schaut nicht sehr begeistert drein, fragt mich aber trotzdem. "Was meinst du". Ich meine ein Kaffee wäre nicht schlecht und so fahren wir hintereinander zum Kaffeehaus.
Ernst überlässt uns den Parkplatz direkt vorm Lokal und nimmt den nächsten, gerade mal 100 Meter weiter. Johanna parkt den Wagen und wir steigen aus. Vor dem Eingang umfasst sie mich mit beiden Armen, küsst mich auf den Mund. Ich spüre ihre Zungenspitze kurz über meine Oberlippe streichen, sie lässt den Kopf in den Nacken fallen. "Ich bin froh dass es dich gibt". Sie hackt sich ein und wir gehen ins Kaffee. Wir haben noch nicht unsere Jacken aufgehängt als auch schon Ernst zur Tür reinkommt. Wir setzten uns in eine der Nischen und bestellen drei kleine Braune.
Ernst zupft nervös an einem Ohrläppchen, durchwühlt mit der Spitze seiner Zigarette den Aschenbecher. Smalltalk. So beiläufig wie möglich meint er schließlich: "Habt ihr nächsten Samstag schon was vor?" "Eigentlich ja". Johanna setzt eine bedauernde Mine auf. "Warum fragst du?" "Ich habe ein paar Freunde eingeladen und dachte, ihr habt vielleicht Lust, auch hinzukommen. Kleines Fest. Einfach so." Gegenbewegung einleiten. "Warum nicht, wird sicherlich nett". Ich mache auf freudige Erwartung. Johanna blickt mich mit großen, fragenden Augen an. "Ja klar, wir kommen" bekräftige ich. Natürlich weiß ich, dass wir zum Konzert wollten, natürlich weiß ich, dass Johann sich darauf freut. Aber es geht nicht anders. Johanna schüttelt den Kopf. „Hallo, hallo. Wir gehen Samstag ins Konzert" Johanna glaubt ich habe vergessen. Habe ich nicht. "Ich würde aber lieber zu Ernst gehen". Unverständnisse. Tränen der Enttäuschung steigen in Johannas Augen. „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst". Sie ist fassungslos. Und ich setzte eines drauf. „Was heißt ‚Ist nicht mein Ernst’, ist unser Ernst und wir gehen zu seinem Fest. Oder gehst du nicht?" Ich sollte nichts empfinden und doch fühle ich mich schlecht, wissend dass es keine andere Möglichkeit gibt. "Ich gehe auch. Und zwar jetzt. Ernst, kannst du meinen Kaffee übernehmen?". Sie steht auf, holt ihre Jacke von der Ablage und geht wortlos aus dem Lokal. |