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Cafe I

| Erinnerung an eine alte Zeit |

Cafe I

Nun, es ist wirklich keine Stadt zum leben, wenn man von Stadt überhaupt sprechen will. Ein größeres Dorf vielleicht. Wie auch immer - kein Platz zum Leben. Und doch halte ich mich hier schon seit einigen Wochen auf. Spaziere durch die Straßen ohne Ziel und Eile, sitze in Kaffeehäusern herum. Schrecklichen keinen Lokalen mit pummeligen Kellnerinnen die einem mit ihrer aufmerksamen Redseligkeit den Tag verderben.

Doch ist es nichts was mich über Gebühr beschäftigen würde.

Es stört ein wenig. Ausgesucht würde ich mir diesen Ort nicht haben, aber nachdem es nichts zum Aussuchen gab, ist es gut wie es ist.

Der Herbst hat sich innerhalb von Stunden mit einer feuchten Nebeldecke über die Reste eines heißen Sommers gelegt und es hat den Anschein, das es für immer so bleiben wird.

Die feuchte Kälte schiebt sich einer kalten Hand gleich den Rücken hinunter. Im nassen Asphalt spiegelt sich die Straßenbeleuchtung. Nicht das es schon spät wäre - nur dunkel eben.

Bis jetzt verging die Zeit noch einigermaßen, Kennen lernen, Einleben, Vorbereiten. Nun wo alles abgeschlossen, vorbereitet ist, in Erwartung dessen was kommen wird, jetzt kriecht die Zeit dahin und jeder Tag mehr ist ein verlorener. Doch auch diese Phase ist wichtig. Es darf nichts überhastet werden und ich kann es nicht beeinflussen.

Es ist kurz nach fünf und ich beschließe wie an jedem der vergangenen Tage, mich in die Konditorei Hinzl zu begeben, neben dem Kaffee Hauser das erträglichste der örtlichen Lokalszene.

Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen drückte ich die Glastür mit verschränkten Armen auf und bemüht mich, den Verkaufsraum mit allen den tortengefüllten Vitrinen und rotbäckigen Kundinnen schnell hinter mich zu bringen. Was so einfach nicht ist. Der Raum ist ein Schlauch, was bedeutet, dass man ohne Schieben und Drängen das Ende des Ganges und damit den Eingang zum Kaffeehaus niemals erreichen würde.

Nach 32 mal „Entschuldigung", und 47 „Gestatten Sie" passiere ich die Ziellinie, den Durchgang ins Kaffeehaus, oder eher Kaffeeraum.

Nicht groß, scheint er mit seinen verspiegelten Wänden zumindest nicht so klein wie er tatsächlich ist. Halbmondförmige, rote Samtbänke bilden mit je einem runden Tisch und zwei samtenen Hockern kleine Sitzbuchten, was es täglich schwierig macht, einen passenden Platz zu finden. Ganz freie Buchten gibt es um diese Zeit nie. Um das Geschehen zu überblicken kommt jedoch nur ein Platz auf der Sitzbank in Frage und dann sollte der Tisch nicht mit redseligen Gästen besetzt sein, dafür reichen die Kellnerinnen. Doch Heute ist ein Glückstag. Kaum habe ich meinen Mantel auf der zu kleinen Kleiderablage über zehn andere gehängt, oder eher gebreitet, schicken sich zwei Damen an, ihre Insel zu verlassen.

Nachdem keine Konkurrenz im Raum ist schlendere ich gelassen auf den freien Tisch zu und lasse mich zufrieden auf die Bank fallen. Ich schaue mich um, mustere Insel für Insel, ohne etwas zu entdecken.

„Was darf´s sein? Kurz, schwarz wie immer? Frischen Apfelstrudel hätten wir." „Kurz und schwarz, und eine Schachtel Marlboro, bitte" „Und gar keinen Strudel?" „Und gar keinen Strudel". „Also wenn ich so schlank wäre, ich könnt nicht nein sagen". Redseliges Pummelchen. „Danke, sehr freundlich". Schon nach wenigen Tagen wusste sie was ich bestellen will. Und nicht nur sie wusste es, die ganze Stadt dürfte schon informiert sein, dass ich mich hier aufhalte. Wahrscheinlich unterhielt man sich beim Bäcker und Fleischer darüber. Stellte sich Fragen und mutmaßte. Und wo keine Information ist, entstehen Gerüchte. Doch auch das berührt mich nicht sehr. Ich habe eine Aufgabe, die ich erledigen werde und das ist auch schon das Einzige was mich interessiert.

Der Kaffee kommt und mit ihm die Schachtel Marlboro. Alles schön auf einem ovalen Silbertablett arrangiert. Die Schachtel offen, drei Zigaretten herausgezogen. Glas Wasser und drei Würfel Zucker extra auf einer kleinen Schale. Ich lasse einen Würfel in die Tasse gleiten, rühr kurz um und leer die Tasse mit einem langen Schluck, steckt mir eine Zigarette an. Langer, tiefer Zug.

Am Nebentisch sitzt eine mollige Frau mit üppigem Busen und lächelt verständnisvoll. Ich lächele zurück und schon kommt ein „Gibt ja kaum was besseres als eine Zigarette nach einem ordentlichen Kaffee". Ich nicke, erspar mir eine Antwort. Was die Mollige jedoch nicht abschreckt. „Sie kommen auch öfters hierher, nicht?" Die Bestätigung - alles wird registriert. „Manchmal". „Wohnen sie hier?". „Fast". Die Mollige ist nicht abzuschütteln. „Ich bin nämlich erst vor zwei Monaten hierher gezogen, ist nicht so schlecht, oder?" „Nicht wirklich". Ich schau auf die Uhr. „Warten sie auf jemanden?". „Nicht direkt". „Ich warte auf niemanden, ist angenehm, kann kommen und gehen wann ich will, muss niemanden Rechenschaft ablegen. Und sie". „Muss auch niemanden Rechenschaft ablegen". Die Mollige versucht die Beine übereinander zu schlagen, was wegen der Tischhöhe nicht gelingt, den Rock jedoch eine gute Handbreit über die Knie schiebt. Meinen kurzen Blick quittiert sie mit einem einladenden Lächeln. Wie soll ich ihr klarmachen, dass es sich dabei nicht um Interesse an ihren prallen Schenkeln sondern um einen Reflex gehandelt hat. Das ich auch kein Interesse hätte, wenn sie zehn Jahre jünger und damit in meinem Alter wäre und auch nicht, wenn sie zehn Kilo weniger auf die Waage bringen würde. Auch nicht wenn sie die attraktivste Frau der Welt wäre. Ich hatte anderes zu tun. Die Frau tat mir leid. Sie würde meinen Rückzug auf sich, ihr Alter und ihre Fülle beziehen. Mir bleibt nur der Abgang. „War sehr nett mit ihnen zu plaudern, ich muss leider gehen". „Verstehe". Resignation wie befürchtet. Allein ich kann ihr nicht helfen.

Will die Geschichte ihrer Scheidung, von der Einsamkeit einer leeren Wohnung, von der Freude eines

gemeinsames Abendessen usw. nicht hören. Ich bugsiere zwischen den Hockern zur Kleiderablage, wühle meinen Mantel heraus, werfe ihn über den Arm und verschwinde.

Eine weitere Woche vergeht ereignislos. Über der Stadt liegt eine Nebeldecke und die Anzahl der Menschen, die an Selbstmord denken, steigt. Ein, zwei Sonnentage und ich wäre wieder versöhnt mit dem Leben. Aber im Moment fällt mir nicht nur die Decke sondern der ganze Nebelhimmel auf den Kopf.

"Einen kleinen Schwarzen und Marlboro, bitte." Wieder einmal. Vielleicht sollte ich weniger rauchen. Ich sitze im hintersten Winkel des Kaffeehauses und lasse mich treiben, keine Richtung, kein Ziel. Selbst herinnen spüre ich die feuchte Kälte dieses Herbsttages, sie schleicht durch die Wärme des Raumes, kriecht durch den Körper ins Gehirn. Trüb, feucht, kalt. Ich stecke mir wieder mal die letzte Marlboro an, zerknülle die Packung und häufe Sie auf den ohnehin vollen Aschenbecher. Ich ziehe den Rauch tief in die Lunge, es kratzt im Hals, schmeckt nach Routine, nicht Genuss. Ich drücke sie aus. Gelangweilt halte ich nach der Kellnerin, nach meinem Kaffee Ausschau und sehe SIE kommen.

Sofort ist mir klar, dass sie es sind. Meine Familie. Allen voran Rosa, klein und zerbrechlich, in Ihrem Persianermantel wirkt sie verloren wie eine große Puppe in Erwachsenenkleidern. In der Linken die viel zu große Handtasche, fest am Ledergriff gehalten streift sie fast am Boden. Kleine, wässrige Augen stehen über einer knolligen Nase. Das stumpfe, graue Haar ist pagig geschnitten und etwas toupiert. In Ihren Stiefeln trippelt sie zu einem der Tische schräg Vis a Vis und stellt die Tasche auf einen der samtroten Hocker. Johanna hilft ihr aus dem Mantel. Nicht größer als 1,70 überragt sie Ihre Mutter um fast einen Kopf. Joachim, der als letzter folgt, sichert sich sofort einen Platz auf der Bank. Er wirkt nicht dazugehörig, als ob er nur zufällig am selben Tisch Platz genommen hätte. Die Arme vor der hochgeschlossenen Lederjacke verschränkt, Kopf tief in den Nacken gezogen, beobachtet er weit zurückgelehnt das Geschehen. Rosa hat neben ihm Platz genommen, aufrecht sitzt sie da, zupft am Kleid, richtet sich das Seidentuch, ihr gegenüber, im Reitersitz, Johanna. Ihre dichten schwarzen Haare fallen auf die hochgezogenen Schultern, die Arme durchgedrückt, stützt sie sich mit den Handflächen auf den Hocker. Mein kleiner Brauner steht mittlerweile schon einige Zeit vor mir und hat es aufgegeben, mich dampfend an seine Anwesenheit zu erinnern. Das rundherum ist belanglos geworden, er zählt nicht mehr der Tag, die Jahreszeit, das Wetter. Alles ist zum bedeutungslosen Nichts verkümmert, in Auflösung begriffen. Ich habe meine Familie. Wissend, dass sie hier sind wartete ich auf den Augenblick der Begegnung. Nun waren sie gekommen. Fast vollständig. "..und was trinkst du, Joachim?" Johanna hat eine angenehme, ruhige Stimme. Die Antwort Ihres Bruders ist ein tiefes Brummen, dass er durch die kaum geöffneten dünnen Lippen presst "Wie immer". Er hat ein breites, fast quadratisches Gesicht in dessen Mitte er die Nase seiner Mutter trägt. Beherrschend ist jedoch die Hornbrille mit den dicken Gläsern. Er mag vielleicht Anfang Zwanzig sein und doch hat der Haaransatz der Stirn schon sehr viel Platz eingeräumt, was die Brille noch dominanter macht. Der Kaffee hinterlässt einen angenehm bitteren Geschmack im Mund - ich stecke mir eine Zigarette an und spüre den Rauch meine Lunge füllen. "Haben sie noch einen Wunsch..." "Ich möchte gerne zahlen." Während ich das Wechselgeld einstecke dreht Johanna sich kurz um und für den Bruchteil einer Sekunde treffen sich unsere Blicke zum ersten Mal. Ich stecke die Zigarettenschachtel ein und verlasse das Lokal.

Das triste Wetter hat mich zurück - ich sehe mich in einemHotel in Thailand - sonnig und warm. Ist nur nicht.

Lichtblitze zucken durch das Halbdunkel und geben den Schatten für Augenblicke Gesichter. Johanna lehnt an einer der Säulen, die wie eine Reihe Obelisken aus dem Rauch ragen und aus der Tanzfläche eine Säulenhalle machen. Wiegt sich zu Frank Zappa’s Erklärungen über "Mud Shark`s". Kopf nach hinten gelehnt, Augen geschlossen.

Ich setz mich an die Bar und bestelle mir ein Gin Tonic. Joachim fadisiert sich zwei Hocker weiter mit ein paar Freunden. Groß und hager lehnt er an der Bar. Man taxiert die Anwesenden. Ich kehre Ihnen den Rücken und schau der Blondine hinter der Bar beim Spülen der Gläser zu.

"...nicht lange getanzt..." höre ich Joachims Brummen hinter mir. Johanna kommt von der Tanzfläche zurück. "...überhaupt nicht.." Unsere Augen treffen sich zum zweiten Mal und Ihr breiter, voller Mund deutet ein Lächeln an. "Ist hier frei?" Ich nicke. Johanna setzt sich auf den Barhocker neben mir, kramt in Ihrer Handtasche und zieht eine Packung Zigaretten heraus, legt sie auf die Bar. Nach weiterem, erfolglosem Kramen deutet sie fragend auf mein Feuerzeug. Ich nicke schon wieder und versuche ein Lächeln. Sie zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch über die Theke, schiebt das Feurerzeug zurück. Ich hätte ihr Feuer geben, etwas belangloses sagen, ihr einen Drink spendieren können. Aber ich habe Zeit und ich genieße es, so nahe am Ziel zu sein. Wortlos sitzen wir nebeneinander und starren Löcher in die endlosen Reihen von Vodka, Whiskey, und allen möglichen anderen bunten Flaschen.

Plötzlich Bewegung in Joachims Gruppe - „Zahlen, bitte". Scheine wandern über die Theke, Münzen zurück. Allgemeiner Aufbruch. "Kommst du mit, Johanna?" "Ich bleibe noch ein wenig". Joachim versucht sich in einem viel sagendem Blick in meine Richtung, hebt die Augenbrauen und verlässt mit den anderen die Bar. Ich nippe an meinem halbvollen Glas. Rauche mir eine letzte Zigarette an. Johanna hat sich mittlerweile von der Kellnerin Zünder besorgt. Ungerührt sitzt sie neben mir, Ellenbogen auf der Bar, Kopf mit dem Kinn in die Hände gestützt, Rauchschwaden über die Kellnerin blasend. Ich drücke die halbgerauchte Zigarette aus. „Zahlen, bitte". Die blonde Kellnerin offeriert einen Blick in Ihre Bluse während sie das Wechselgeld aus der Börse sucht, schöne, dicke Titten. Ich lasse sie zählen, um ihr dann den gesamten Betrag als Trinkgeld zu überlassen. Fairer Deal. Ich rutsche vom Barhocker und gehe, Johannas Blicke im Rücken. Komm, dreh dich um, schau noch mal zurück. Nicht heute, nicht jetzt.

Bei der Heimfahrt denke ich, dass es doch besser gewesen wäre noch eine Kleinigkeit zu essen. Zuhause im Kühlschrank ist gähnende Leere. Nicht einmal für eind Sandwich würde es reichen. Sandwich - ein Earl der Familie Sandwich, John Montagu, erfand im 18 Jahrhundert die belegten, doppelten, Buttertoasts. Und Captain Cook benannte nach seinem Vorgesetzten, dem ersten Admiral der Admiralität, den heutigen Archipel von Hawaii ebenfalls "Sandwich-Inseln". Erst später wurden der Archipel nach der grössten Insel Hawaii getauft

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