Es war jemand an der der Tür. Versuchte sie von aussen zu öffnen. Angst. Herzflattern.
"Wer ist da?". "Das Zimmermädchen". Erleichterung. „Fünf Minuten und ich bin weg. OK?" Es war ihr so recht wie alles andere auch. Es war bereits spät. Ich machte mich schnell fertig und verliess das Hotel.
Meine Freunde erwarteten mich bereits vorm Eingang, obwohl ich letztlich pünktlich eintraf.
Sofort hielt ich ihnen triumphierend den Zettel vom Hotel unter die Nase. Es schien sie nicht zu beeindrucken. Ohne näher auf den Zettel einzugehen stellten sie mir einen schwarzen Kubaner, Jose, vor, welcher sogleich das Wort ergriff.
"Wann warst du das letzte Mal in Kuba?" Er stellte die Frage in einem Ton, der mich in die Kindheit zurückversetztet. Der Lehrer weiß, du hast abgeschrieben, er will es nur noch von dir hören. "Ich war nie zuvor in Kuba" „Sicher" Jose blieb drauf und ich wurde ärgerlich. „Sicher, ich hätte es mir wohl gemerkt, oder?" Jose zog die Schultern hoch und machte eine ratlose Handbewegung. "Und warum sollte ich schon mal hiergewesen sein?"
Jose erklärte, dass es vor einigen Jahren einen Ritualmord der Lucumi gegeben hatte und zwar in der Ruine eines Klostergebäudes, welches auf meine vage Beschreibung passen würde.
Ich merkte an, dass ich mir dann doch nicht alles eingebildet habe. Man erwiderte nur, dass man das ja nie behauptet hätte und sie ersuchten mich, mit ihnen in das Kloster zu kommen. Mich schauderte zwar bei dem Gedanken, wollte jedoch eine Klärung der Ereignisse der letzten Nacht. Vielleicht brachte ein Lokalaugenschein etwas.
Wenn so etwas schon vor Jahren passiert war, warum sollte es nicht letzte Nacht wieder so gewesen sein, man würde sicherlich Spuren, Rest des Feuers, vielleicht sogar Überreste der Leiche finden. Sobald ich sicher sein würde, dass wir uns am Richtigen Ort befanden müsste man zweifellos die Polizei verständigen. Vernehmung, Protokoll. Ich wollte in vier Tagen abreisen, hoffentlich würde es keine Probleme geben. Wie auch immer, ich wollte die Angelegenheit geklärt wissen.
Wir gingen durch die Tür im Tor, durch den Säulengang entlang der Mauer. Im Innenhof plätscherte tatsächlich ein Springbrunnen, Palmen. Wir erreichten den Durchgang auf der anderen Seite, kurz gerade, links, rechts. Hier hatte mich der Junge wieder nach hinten gezogen, um sich zu vergewissern, dass der Weg frei ist. Wir bogen um die Ecke. Linkerhand ein offensichtlich zum Kloster gehörendes Gebäude, welches nun einen kleinen Garten säumte. Keine Mauer, kein Loch. "Es war hier und doch nicht." Mitfühlendes Nicken meiner Freunde, ohne zu verstehen. Auch ich verstand nichts mehr. Konnte das alles über Nacht verschwinden? Zweifellos nicht. "Die Ruine in der von dir geschilderten Form gibt es schon seit Jahren nicht mehr, sie wurde nach dem Mord abgerissen und anschließend dieser Garten angelegt."
Ich musste dieses Land so schnell wie möglich verlassen. Irgendetwas oder irgendwer trieb mich schön langsam in Richtung Wahnsinn. Keine Ahnung warum und wieso. Konnte ich meinen vermeintlichen Freunden glauben. Waren sie es, die das alles arrangiert hatten. Sie hatten mich in die Bodeguita gebeten, wo alles seinen Anfang nahm. Ich musste weg. Sie wussten auch wo ich wohne, sie allein konnten den Zettel abgegeben haben. Plötzlich hatte ich die Gewissheit, von meinen Feinden umringt zu sein. "Also dann" Ich drehte mich um und hastete davon. Sie riefen mir nach, doch zu warten. Hätten sie gerne. Ich schleuderte ihnen eine abfällige Handbewegung entgegen und hetzte aus dem Kloster, durch die Gassen in mein Hotel, warf meine Sachen in die Reisetasche, ließ mich mit der Fluglinie verbinden und ergatterte einen Platz für denselben Tag. Es blieben mir noch vier Stunden. Ich zahlte das Hotel und nahm sofort ein Taxi zum Flughafen, wartete auf das Öffnen der Schalter, liess das Ticket umschreiben, Checkte ein, Pass- und Zollkontrolle. Erst im Transitbereich des Flughafens entspannte ich mich ein wenig. Ich setzte mich ins Restaurant und trank kubanischen Kaffee. Richtig wohl fühlte ich mich erst an Bord der Maschine nachdem wir gut eine Stunde geflogen waren und ich mir sicher war, dass wir auch im Falle eines technischen Gebrechens nicht mehr nach Habana zurückkehren würden.
Ich las in einem Buch und trank ein paar Biere, welche mich letztlich auf die Toilette zwangen. Danach drehte ich eine Runde durch das Flugzeug, die Economy Klasse war ganz gut gebucht. Fast alle Sitze belegt. Ich ging ganz nach vorne, kein Flugbegleiter weit und breit, Vorhang zur zur Seite und ich war in der Business Class. Diese war halb leer und ich spielte mit dem Gedanken, mich in eine der leeren Reihen zu legen um ein wenig zu schlafen. Doch bei den wenigen Gästen würden sie es sofort merken und die Peinlichkeit wollte ich mir ersparen. Wenn du dir keine Business Class leisten kannst, fliegst du eben Economy. Soll nichts Schlimmeres passieren. Ich drehte eine Runde in der Business Class und schickte mich gerade an zurück zu meinem Platz zu gehen. Gerade noch zwei Schritte vom Vorhang zur Economy Class entfernt, in der letzten Reihe dann das Unfassbare. Der Flugzeugboden entzog sich meinen Beinen, ich stolperte und konnte mich gerade noch an der Lehne eines Sitzes fangen, was vom dort sitzenden Mann mit einer angewiderten Mine quittierte wurde. Dort in der letzten Reihe saß sie. Die Frau in Schwarz vom Yoruba Ritual. Ein sanftes Lächeln umspielte ihren Mund. Gar nicht beängstigend. Ich hatte noch immer nicht ganz Fuß gefasst und taumelte noch leicht. „Hallo, ist ihnen nicht gut, setzen sie sich doch einen Moment." Sie wechselte zum freien Fensterplatz ihrer Zweierreihe. Ich zögerte. „na, setzten sie sich doch, bevor sie der Länge nach hinfallen. Sie sind ja ganz weiß im Gesicht." Ich ließ mich wohl oder übel in den Sitz fallen. Eine Minute später war auch schon die Flugbegleiterin hier. „Sie haben geläutet, gnädige Frau?" „Ja, dem Herrn ist hier leicht übel geworden." „Kann ich was für sie tun?" Die Flugbegleiterin wendete sich an mich „Nein danke, geht schon wieder. Werde dann gleich auf meinen Platz zurückgehen". Ich schickte mich an aufzustehen, die Flugbegleiterin machte Platz. „Aber vorher bringen sie uns bitte zwei Glas Champagner, dass ist gut für den Kreislauf." Und an mich gewand „Das ist doch in Ordnung für sie, oder?" Beflissen entschwand die Flugbegleiterin und ich saß hier wie ein begossener Pudel. Leicht zittrig noch. „Haben sie öfter Kreislauf Probleme". Nein, nur wenn ich sie sehe, dachte ich. „Eigentlich nicht, weiß auch nicht was los ist". „So, sie wissen nicht, warum ihnen etwas mulmig geworden ist?". Ich weiß schon warum, sagte ihr Gesichtsausdruck. Hatte sie mich gesehen? Aber das ganze hat ja gar nicht stattgefunden. Oder doch. Bin ich Wahnsinnig oder nicht. Alles lief kreuz und quer in meinem Kopf. Ich kannte mich nicht mehr aus.
Die Flugbegleiterin kam mit zwei kleinen Flaschen Champagner und schenkte uns jeweils ein halbes Glas davon ein. „Sehr zum Wohle. Ich heiße Iris – ist ihnen recht wenn wir uns duzen?" „Mh, ja.. ja natürlich, sehr zum Wohle." Iris hatte einen dünnen schwarzen Pulli an, durch den Stoff konnte man die Spitzen ihres BH’s erkennen, der ihre großen Brüste zu zwei schönen Hügeln wölbte. „Was hast du in Cuba gemacht, Urlaub?" „Ja, Urlaub." Ich kam mir vor wie ein Trottel. Iris war sicherlich 30 und eine Dame durch und durch. Ich war verlegen und wusste nicht recht was zu sagen. „Und Sie eeehm.. du." „Ich war Freunde besuchen." „Verstehe." „Ja, du verstehst." Sie lächelte wissend. „Und was machst du sonst?" „Ich arbeite in einem Reisebüro, dadurch hat es sich auch mit dem Urlaub in Cuba ergeben. Bekommen da immer etwas Ermäßigung." Ich wollte keine Fragen mehr stellen, weil ich nichts erfahren wollte, was mir wieder Kopfschmerzen verursachen würde. Ich wollte zu meinem Platz zurück und Schluss, Ende, aus. „Ich werde dann wieder zu meinem Platz zurückgehen. Hab mein Buch dort, ein wenig lesen." „Ja, natürlich, ich möchte dich nicht aufhalten. Also, hat mich gefreut. Bis später." Bis später sicher nicht. Ich möchte sie einfach nie wieder sehen.
Auf meinem Platz zurück konnte ich natürlich kein Wort lesen, zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf. Was war das alles mit Cuba, wie konnte das alles sein. Wie konnte ich Dinge sehen, die es schon längst nicht mehr gab. Und wie konnte es sein, dass es dann Iris aber doch gab. Und sie hier im selben Flugzeug saß. Mit drehte sich alles im Kopf und ich war erleichtert als nach Stunden das Flugzeug seinen Sinkflug zum Flughafen Barajas in Madrid begann. Ich ließ mir beim Aussteigen Zeit und hoffte, Iris nicht mehr zu sehen. Langsam schlenderte ich in den Transit und suchte den Schalter um für den Weiterflug einzuchecken. „Hallo junger Mann". Iris stand neben mir. „Flug gut überstanden? Hat es sich ausgezahlt, das Buch meiner Unterhaltung vorzuziehen?". Sie schaute mich streng an, um sich gleich in ein freundliches Lachen zu verlieren. „War nicht ernst, wie lange hast du Zeit bis zum Weiterflug?" „40 min, muss schauen dass ich zum Einchecken komme." „Ja, einchecken muss ich auch. Aber der Flug nach Cairo hat Verspätung. Dann halte ich dich nicht länger auf. Bis bald". Wieder „Bis bald". Sie fliegt nach Cairo und ich habe nicht vor, so schnell einmal dorthin zu kommen, also wird das „bis bald" nicht stattfinden. Ein „Bey, bey" mit passender Handbewegung und ich war dahin. Das Einchecken war mühsam, obwohl nur ein paar Passagiere angestellt waren dauerte es ewig. Mit Mühe erreichte ich den Flieger und war trotzdem sehr glücklich. Sie fliegt nach Cairo.