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Treffen der Räuber Weit zurückgelehnt, beide Arme nach hinten gestreckt, auf die Handflächen gestützt, saß Merire am Flachdach seines Hauses. Er genoss die kühle Brise die in der Abenddämmerung vom Nil herauf strich. Letzte Sonnenstrahlen spielten mit den grünen Wellen, ein Handelsschiff zog gemächlich stromabwärts. "Kommt wohl aus Nubien". Der Gedanke setzte ihm ein breites Lächeln ins Gesicht. "Ja, aus Nubien". Das flaue Gefühl im Magen ließ etwas nach. "Nubien, Nubien, Nubien". Beschwörend wie eine Zauberformel gegen den Druck im Magen murmelte Merire dieses Wort vor sich her. Nubien. Es klang so wie Rettung und hinterliess ein Gefühl von Hoffnung. Ohne zu wissen warum. War auch egal. Nubien eben. Ipui und Paneb müssten bald kommen. Nach Sonnenuntergang war ausgemacht. Oder haben sie es sich anders überlegt. Ipui und Paneb, diese Kleingeister, was hatte er nicht alles für sie getan, und nun zierten sie sich. Nein, nein, Sie würden es nicht wagen nicht zu kommen. Heute war Ihre Nacht. Und hatte er nicht letzte Nacht von einer großen Katze geträumt, was reiche Ernte voraussagt? Sie würden ihre Aufgabe erledigen und sie würden reiche Ernte einfahren. Die Sonne war nun vollständig hinter dem Hügel versunken, noch leuchtete der Himmel in glühendem Rot, bald schon würde es dunkle Nacht sein. Merire hatte bewusst eine mondlose Nacht gewählt um jedes unnötige Risiko auszuschalten. Er stieg die Treppe vom Dach hinunter. Im Schlafraum wiegte seine Frau die gemeinsame Tochter in den Schlaf. Ohne sie eines Blickes zu würdigen schlich er durch den Raum um in den etwas tiefer gelegenen Wohnbereich zu steigen. "Merire". Er blieb stehen ohne etwas zu sagen. Sie war in die Pläne nicht eingeweiht obwohl sie zu den Betroffenen gehören würde. Ipui und Paneb waren beide nicht verheiratet und auch für ihn sollte das kein Hindernis sein. Seine Frau hielt die zweijährige Tochter im Arm und sah ihn mit großen dunklen Augen an. "Merire" flüsterte sie ein zweites Mal. Sie wusste nicht was in den letzten Tagen mit ihrem Mann vor sich ging, sie ahnte, dass es nichts Gutes war. Sie versuchte ein Lächeln und zog mit einer resignierenden Bewegung die Schultern hoch. Merire war schon im Wohnbereich. Er vermied das Gespräch mit seiner Frau, seit die Umsetzung des Planes beschlossene Sache war. Es würde ihm kein Problem sein sobald alles erledigt ist, solange er mit ihr in einem Haus, einem Raum war, verursachte ihm diese Situation ein unbehagliches Gefühl. Merire ging weiter in den Eingangsbereich welcher gleichzeitig Opferraum, mit einer Art Altar war. Hier hatte er noch heute der löwenköpfigen Sechmet, Göttin der Krankheit und des Unheils, geopfert und um ihren Segen gebetet. Sechmet, die einst die ganze Menschheit ausrotten und deren Blut trinken wollte, wäre sie nicht von Ihrem Vater Re durch eine List abgehalten worden. Sechmet, die Unberechenbare, auf ihren Segen hoffte er. Ganz in Gedanken, bemerkte er nicht das Eintreffen von Ipui und Paneb, welche mehr hereinschlichen als eintraten. Man begrüßte sich wortlos, Merire deutete mit dem Kopf kurz in Richtung Ausgang und man brach auf. Obwohl Paneb gut zwei Köpfe größer als Merire und Ipui war, schien es, als ob er sich hinter Ipui verstecken, Schutz suchen würde. Er nannte Ipui seinen Bruder obwohl er es nicht war und Ipui kümmerte sich um Paneb als ob es doch stimmen würde. Sie waren zusammen aufgewachsen und hatten denselben Beruf, Schreiner wie auch Merire. Ihn hatten sie erst vor ein paar Jahren kannengelernt. Mit seinen dreißig Jahren war er sechs Jahre älter als Paneb und acht Jahre älter als Ipui. Bis vor kurzem schien es eine glückliche Fügung gewesen zu sein, dass sie ihn kennengelernt hatten. Über seine Beziehungen verschaffte er die Anstellung in der Nekropole von Theben, welche eine sehr begehrte war. Dort hatte man die letzten Jahre zusammen gearbeitet. Alles war bestens bis zu dem Tag, als Merire sie in den Plan einweihte und ihnen unmissverständlich klar machte, dass sie Teil dieses Planes waren. Von diesem Tage an hangen dunkle Gewitterwolken über dem Gemüt der beiden. Sie versuchten Merire die Geschichte auszureden, aber es war nicht seine Entscheidung. Er hatte eine Schuld zu bezahlen so wie die beiden in seiner Schuld standen und damit blieb ihnen keine andere Wahl. Man war bereits eine gute halbe Stunde unterwegs, hatte zirka zwei Drittel des Weges hinter sich. Obwohl es stockfinster war, fanden die drei sicheren Schrittes ihren Weg. Sie waren ihn hunderte Male gegangen, kannten jeden Stein. Bis jetzt war man durch Felder gegangen, welche dieses Jahr gut trugen, es war der Übergang von der Jahreszeit Peret, der Zeit der Saat, zur Jahreszeit Schemu, der Zeit der Ernte, welche dank der ausreichenden Überschwemmungen im Herbst, heuer sehr gut ausfallen würde. Bald wird man die Felder hinter sich gelassen haben und einen unfruchtbaren Streifen Land durchqueren, ehe man am Ziel angelangt sein wird. Doch bereits jetzt spürten sie die Berge der Nekropole dunkel und schwer am Nachthimmel erheben. Es hatte abgekühlt und die drei fröstelten. Hatte bis jetzt der Nilschlamm die Schritte gedämpft und die Felder Deckung gegeben so fühlten sie sich jetzt ungeschützt. Obgleich sie die Nacht umhüllte wie ein schwarzes Tuch. Ihre Schritte knirschten im Sand und sie hatten das Gefühl das es im ganzen Tal widerhallen würde. Die Beiden wussten nicht, dass es für ihn einen größeren und wichtigeren Beweggrund für sein Handeln gab. Es war nicht nur seine Pflicht. Es war viel mehr der Hass gegen das Geschlecht der Thutmosis, den Herrschern der 18. Dynastie. Sein Großvater war noch Schreiber, zuständig für die Einschätzung des Getreides, für die Steuereinhebung. Unglücklicher Weise wurde ihm nachgewiesen, dass er dann und wann ungünstigere Schätzungen für die Eintreiber abgab, wenn dadurch für ihn etwas mehr abfiel. Eine durchaus übliche Praxis, vom Wesir geduldet oder geringfügig bestraft. Allein im Falle seines Großvaters wurde die Beschwerde direkt an den Königshof getragen und mit dem Entzug aller Privilegien auf Generationen bestraft. Er durfte nicht in dem für ihn errichteten Grab bestattet werden und seine Nachkommen hatten fortan als Arbeiter für ihren Unterhalt zu sorgen. Über die alten Beziehungen seines Großvaters, der bei vielen der einflussreichen Familien noch immer einen guten Namen hatte, wurde Merire zumindest eine Anstellung beim Bau des Totentempels der Königin Hatschepsut verschafft. Nach einer weiteren viertel Stunde hatten sie die Tempel von Der el-Bahari erreicht. Die Berge, die sie den ganzen Weg spüren konnten, welche von Schritt zu Schritt bedrohlicher wurden, lasteten jetzt schwer auf ihnen. Sie waren am Ziel. Drei Kreaturen welche sich anmaßten, unerlaubt in diesen heiligen Bezirk einzudringen um das Unaussprechliche auszuführen, den Zorn der Götter zu provozieren, sich gegen das Universum zu stellen. Mit jedem Schritt wurde auch Merire mehr und mehr bewusst, auf was er sich eingelassen hatte. Er fühlte sich klein und hilflos und doch gab es für ihn, und somit auch für Ipui und Paneb kein Zurück. Zuerst wurde das Werkzeug aus einer kleinen Höhle geholt, deren Eingang gerade so groß war, um einen Mann, flach am Boden liegend, hineinrobben zu lassen. Drinnen war sie geräumig, man konnte sogar gebückt stehen. Ipui war der zarteste, so kroch er in die Höhle und reichte alles heraus. Mit der Beschäftigung schien sich die Nervosität etwas zu legen. Man hatte einen ersten Schritt gemacht und es war nichts passiert. Merire hatte an alles gedacht, Brechwerkzeug, Meisel, Öllichter, Körbe zum Abtransport und ein Krokodil aus Ton, um der Verstorbenen die magischen Kräfte zu entreißen. Er hatte dafür gesorgt, dass der Papyrus "Das Buch, Sechmet zu besänftigen" noch vor der Beisetzung entwendet und vernichtet wurde. Und sie hatten einen mächtigen Verbündeten. Menech, Amunpriester und Ratgeber, Lehrer von Thutmosis III, dem rechtmäßigen Pharao, dessen Thron Hatschepsut sich angeeignet hatte. Menech kannte Merire und seine Geschichte.
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