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Ernst im Cafe

| Erinnerung an eine alte Zeit |
Ernst im Cafe Es ist kurz nach 14.00h als ich das Cafe betrete. Johanna ist noch nicht hier, ansonst würde ihr Auto vor der Türe parken. Es sind kaum Leute hier und so steuere ich einen Platz an, auf dem einige Zeitungen liegen. Gerade im Begriff mich zu setzten erblicke ich Ernst weiter hinten im Lokal. Aufgeregt deutet er mir, mich zu ihm zu setzten. Wir haben uns seit dem Streit mit Johanna wegen seines Festes nicht gesehen. Wir begrüssen uns kurz und er kommt auch gleich zur Sache. „Ganz schön wild, oder? Das der K. so durchdreht. Hätt ich mir ehrlich nicht gedacht“. Interessant, aber ich weiß nicht wirklich von was er spricht. „Wie, was, wo?“ Ernst beginnt mir die Ereignisse des Tages oder besser der letzen Stunden, zu erzählen. Johanna ist nur mit einem Bademantel bekleidet zu ihm gekommen und hat dort einmal Unterschlupf gefunden. Ihr Auto hat Ernst in seiner Garage geparkt, damit K. es nicht sieht, wenn er seine Runden dreht. Mittlerweile ist Joachim und Rosa auch in Ernst`s Wohnung aufgetaucht und haben ihn hinauskomplimentiert. Sie möchten die Situation unter sich besprechen. Nicht so schlecht, denke ich mir. Ist ganz schön ausgerastet der Alte. War ja einfacher als gedacht. Wie es wohl Johanna geht. Ich spüre so etwas wie Besorgnis, denke kurz an Trunyan und bin wieder emotionslos. „Ja, das ist der aktuelle Stand. Und wo warst du die ganze Zeit?“ Spät aber doch beginnt das Verhör. Ernst ist ein Meister der Information. Er pflegt alles zu Wissen und alles weiter zu erzählen. Also erzähle ich ihm mehr oder weniger alles, ohne Iris eben. Deckungsgleiche Geschichte wie Johanna. „Und, mit Johanna wieder versöhnt, wie ich höre“. „Ja, kann man so sagen“. „Ist echt interessant, die Johanna hatte bis jetzt immer nur Affären, nichts Festes. Wegen dem K. glaub ich, weil der wollte das nicht, dem war keiner gut genug für sie, oder für ihn. Was weiß ich. Und jetzt mit dir, da hat er übersehen was abgeht und jetzt dreht er durch“. Ich bin mir nicht sicher, ob Ernst meint, dass ich Schuld sei, will aber auch nicht nachfragen. Mich interessiert viel mehr, wie das hier weiter gehen soll. Ernst hat nun auch keine Vorstellung davon und fragt mich. „Ich denke, du solltest jetzt wieder in die Wohnung fahren und schauen, ob du ihnen irgendwie helfen kannst“. „Sicher nicht, werde mich hüten, mich in ihre Privatangelegenheiten zu mischen. Das müssen sie sich schon selbst ausmachen. Non of my business“. So recht er hat, so sehr wäre es jetzt für mich wichtig, dabei zu sein. „Du hast schon Recht, aber in diesem Fall bleibt dir nichts anderes übrig. Immerhin hocken sie alle in deiner Wohnung und früher oder später musst du sowieso hin“. „Aber später ist vielleicht Rosa nicht mehr da. Mir ist das total peinlich, sie so sehen zu müssen. Ist doch immerhin die Mutter meines besten Freundes und ich will weiterhin zu ihm kommen können. Muss ihr doch peinlich sein, sooft wir uns sehen. Nur, du hast schon Recht, es wird mir nichts anderes übrig bleiben. Aber wenn du schon groß redest – warum kommst du nicht mit? Genau, du kommst mit und mein Stress ist nur mehr halb so groß.“ Ich spiele noch kurz die „warum sollte ich“ Nummer und lass mich dann aber leicht überreden. Ernst´s Wohnung liegt im zweiten Stock eines Wohnblocks, mitten in der Stadt. Das Vorzimmer ist ein langer Schlauch. Spannteppich, Kästen und Tapeten in braun gehalten. Alles recht bieder. Sehr ähnlich angelegt wie die neue Wohnung von Johanna. Am Ende des Ganges auch hier das Wohnzimmer, in welches wir uns diretissima begeben. Johanna liegt, noch immer im Bademantel, rücklings auf der Polstergarnitur, welche eine Ecke des Wohnzimmers ausfüllt, starrt an die Decke. Rosa sitzt auf dem abgewinkelten Teil. Ganz am Rand, so als ob sie nicht zuviel der Gastfreundschaft in Anspruch nehmen wolle. Aufrecht, beide Beine auf den Boden gestellt. Klein und hilflos. Vom Weinen aufgeschwollene Augen. Joachim lümmelt im Polstersessel, Rücken an der einen Armlehne, die Beine über die andere. „Hi“. Mehr kommt ihm nicht über die Lippen, er zeigt sich zwischen Resignation und Teilnahmslosigkeit. Wir grüssen artig Rosa, sie entschuldigt sich bei Ernst für die Unannehmlichkeiten. „Ernst. Es tut mir leid, so leid“. Ernst versinkt förmlich in sich. Das hätte er so gerne vermieden. Aber wie? Rosa kann sich auch nicht in Luft auflösen, und was sonst kann sie machen, als ihren Scham wenigstens in eine Entschuldigung zu packen. „So leid, Ernst, so leid“. Auch Joachim versinkt im Polstersessel. Johanna setzt sich auf um uns Platz zu machen, Ernst lässt mir den Vortritt und so komme ich neben Johanna zum sitzen. Sie sitzt jetzt, die Beine abgewinkelt und angezogen, fast auf ihren Fersen. Ich nehme sie kurz am Arm. Sie sieht mich Hilfe suchend an und ehe ich noch was machen kann hängt sie an meinem Hals und beginnt leise in sich hinein zu schluchzen. Ich drücke sie fest an mich, nass rinnen ihre Tränen in mein Polo, die Brust hinunter. „Kann ich was zum trinken holen?“ Ernst versucht sich in Normalität und Johanna löst sich von meinem Hals. „Ein Glas Wasser?“ „Mir bitte auch“ schließe ich mich an. „Und mir kannst du ein Bier bringen oder gleich zwei. Nein, doch eins, weil wird ja sonst warm“. Rosa winkt ab. Sie will nichts, nur aus dieser Situation raus. „Hat er dir alles erzählt?“ „Ja, Ernst hat mir alles erzählt, wilde Geschichte. Ganz schöne Scheiße“. „Kann man sagen“. Ernst kommt mir den Getränken. Stellt sie auf den Wohnzimmertisch und setzt sich neben mich auf die Bank. Das große Schweigen. Joachim nimmt tiefe Schlucke aus der Flasche und leckt sich schmatzend die Oberlippe. „Das beste vom heutigen Tag“ übt er sich in Ironie. „aber auch ein Hautausschlag wäre besser gewesen als das hier.“ „OK, wie tun wir weiter“ Johanna hat sich gefangen. „Haben wir das nicht schon besprochen? Ich fahre nach Hause und schau ob er da ist. Wenn er da ist gehe ich ins Haus und sondiere die Lage. Schau was passiert wenn er mich sieht. Wird mich schon nicht umbringen – zur Not lauf ich einfach davon. Kommt mir eh keine 10 Meter nach. Ich denke, wenn er sich halbwegs beruhigt hat hole ich Rosa ab. Und Johanna wird ja dort unterkommen wo sie letzte Nacht war“. Joachim ist noch immer sauer, sauer auf Johanna und sauer auf mich. Werde es aushalten. Johanna schaut mich fragend an – ich deute ein Nicken an, versuche ein Lächeln und auch Johanna versucht eines. Beide fallen den Umständen entsprechen recht mickrig aus. „Werd mich dann mal anziehen gehen“. Neben ihr am Boden steht eine Sporttasche die ihr Rosa mitgebracht hat. Johanna nimmt sie und verschwindet damit aus dem Wohnzimmer. Zurück zum großen Schweigen. Joachim nuckelt jetzt nur noch am Bier, wahrscheinlich weil es nur noch drittelvoll ist und er noch etwas Zeit überbrücken möchte. Johanna kommt mit Jeans und Sweater bekleidet ins Zimmer zurück. Joachim setzt die leere Flasche auf den Tisch und schnellt aus dem Sessel hoch. „Ok, dann werd ich mal. Wird schon schief gehen“. Klingt mehr nach Mut machen als Überzeugung. Ernst ist zurück und schaltet den Fernseher ein. „Nur kurz die Nachrichten schauen“ entschuldigt er sich, für die beste Idee des heutigen Tages. Für Rosa ein Segen, denn sie wusste ohnehin nicht mehr wohin sie in ihrer Verzweiflung schauen sollte. Also schauen wir uns alle die Nachrichten an. Eine Flutkatastrophe in Bangladesh lässt alles kurz in die richtige Relation kommen und nach dem Erdbeben im Kaukasus kommt fast Entspannung auf. Selbst der Sport lässt Rosa gebannt auf den Bildschirm schauen. Schifahren, Basketball, alles Lieblingssportarten. Werbung – was gibt es interessanteres? Nach nicht einmal 30 Minuten kommt Joachim zurück. Rosa beginnt leicht zu zittern. „Und, ist er zuhause?“ Joachim gibt einen bejahenden Grunzlaut von sich, unterstützt von energischem Kopfnicken. „Ja, zuhause, ist zuhause“. „Und“. „Zieh dich an, wir fahren, alles OK. Hockt leicht zerstört in der ziemlich zerstörten Küche. Bin vorsichtig rein und er hat nur aufgesehen und mich gefragt, wo alle sind. Als ob nichts gewesen wäre. Spazieren, hab ich gesagt. Mhm, hat er gesagt. Komme gleich wieder hab ich gesagt und weg war ich. Also, komm, gehen wir.“ „Ich werde aber nicht mitkommen“ Johanna weiß, dass der Friede nichts mit ihr zu tun hat. „Davon war auch keine Rede“ Rosa verabschiedet sich von Ernst und mit kaum merklichem Kopfnicken auch von mir und weg sind sie. „Dann werden wir auch, oder?“ Die Frage ist mehr rethorisch. Natürlich werden wir jetzt gehen und Ernst den letzten Rest seines Sonntags überlassen, der ohnehin eine Katastrophe für alle war. Alle außer für mich. Schweigend sitzen wir im Wagen. Schweigend fahren wir mit dem Lift ins Loft und schweigend sitzen wir im Sofa. “War es meine Schuld, war es meine Schuld dass ich mit 24 eine Nacht bei meinem Freund verbracht habe? Was glaubt er eigentlich wer er ist, warum glaubt er, dass er alle terrorisieren kann. Mich kann er mal“. Johannas Ausbruch dauert nur Sekunden und schon ist wieder Schweigen eingekehrt. Die Abenddämmerung taucht das Loft innerhalb von Minuten in tiefe Dunkelheit. Und wir sitzen weiter schweigend nebeneinander. Nach einer Ewigkeit des wortlosen Rauchens nimmt mich Johanna an der Hand, hebt unsere beiden Hände hoch und lässt sie auf Polsterung sausen, atmet geräuschvoll durch die Nase aus. „Wollen wir ins Bett?“ Gute Idee. Wir gehen gemeinsam ins Bad. Ich bin vor Johanna fertig und lege mich ins Bett. Johann kommt kurz darauf, schiebt sich mit ihren Rücken gegen meine Brust und ich schlafe innerhalb weniger Augenblicke ein.

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