| Mit Joachim beim Laufen
Ich bin definitiv nicht unsportlich, aber mit Joachim komme ich nur schwer mit. Leichten Fußes nimmt er jede Steigung, redet ununterbrochen als ob wir im Cafe sitzen würden. Seit dem Katastrophensonntag ist gerade eine Woche vergangen. Johanna blieb noch eine weitere Nacht bei mir, dann wurde ihr signalisiert dass sie wieder nach Hause kommen kann. K. spricht kein Wort mit ihr, ignoriert sie. Johanna wiederum verlässt ihr Zimmer nur, wenn K. nicht im Hause ist. Joachim und Rosa versuchen „alles ist normal“ zu spielen, damit die Lage nicht wieder eskaliert
Nachdem Joachim mich am vergangenen Sonntag, außer mit strafenden Blicken, nicht wahrgenommen hat, kam es umso überraschender, als er mich heute Vormittag zum Laufen einlud. Ich wollte gerade meine Samstagvormittagsbesorgungen in der Stadt machen, als neben mir ein Auto eine Vollbremsung durchführte und mich einigermaßen erschrocken am Gehsteig zur Seite springen ließ.
Er kam auch ganz schnell zur Sache. „Hi, was machst du heute Nachmittag“. „Keine Ahnung warum?“ „Treffen wir uns um 14.00h draußen bei der Kapelle zum Laufen. Muss mit dir reden“. Mein OK hat er noch registriert – mehr nicht, in der Sekunde war er mit quietschenden Reifen dahin.
Also laufen wir über gefrorene Feldwege, Hügel auf, Hügel ab. Ich kann nichts zur Unterhaltung beitragen, da ich schauen muss, nicht atemlos umzufallen. Joachim gibt mir ein Update der Lage. Nach rund 40 Minuten durch die Landschaft keuchen erreichen wir eine riesige Eiche, darunter eine Holzbank. Wir gehen langsam auf die Bank zu, Joachim setzt sich auf die Rücklehne, ich stehe keuchend vor ihm. „Na, all zu gut bist du nicht in Form“. Sinnlos etwas zu sagen. „Was sagst du zu der Geschichte mit K.?“ „Geht mich nichts an“. „Egal, sag was du dir denkst. Wirst ja wohl eine Meinung haben, bist immerhin der Freund meiner Schwester, also nicht ganz draußen.“ „Ich denke ihr kennt K. schon eine Weile und es dürfte euch ja nicht neu sein, dass er nichts anderes als seine Meinung gelten lässt und wenn nicht alles so ist wie er will zuckt er aus. Vielleicht bis jetzt nicht so gewalttätig, aber ausgezuckt ist er ja schon öfters, sagt Johanna.“ „Um das geht es nicht, es geht darum, wie wir aus der Situation rauskommen. Er macht uns alle kaputt, zerstört uns und unsere Leben. Und vor allem Rosa’s. Die hat außer Angst nur noch Angst. Wo soll das hinführen? Die geht vor die Hunde. Johanna wird sich eine Wohnung nehmen, und abgesehen davon, dass das die nächste Katastrophe wird – dann komm ich überhaupt nie mehr raus aus der Bude. Kann doch Rosa nicht alleine mit dem Irren lassen. Versaut unser aller Leben. Verstehst du.“ Ich verstehe. Und ich bin vollkommen entspannt. Alles Energie, alles miteinander verbunden. Ist der Samen erst gesät beginnt er schön langsam zu keimen. „Aber warum lässt Rosa sich nicht scheiden?“ „Sag ihr das mal, sie will nicht. Will nicht, weil er sie dann umbringt. Hat er ihr schon mehrfach gesagt. ‚Dann dreh ich dir den Hals um, ist das klar?` Und es ist ihm zuzutrauen. Ja das ist es ihm“. „Aber was willst du tun?“ „Bevor er uns was antut, bring ich ihn um“. Joachim tritt gegen die Bank. „Dann bring ich ihn um.“ Joachim geht um die Bank herum und verpasst ihr nach jedem zweiten Schritt einen Tritt.
„Scheiß, volle Scheiße das Ganze – und du kannst mir auch nicht helfen. Zumindest mitgelaufen bist du. Auch was gut.“ Er dreht sich um und beginnt langsam zu traben. Ich folge ihm einige Schritte dahinter, habe keine Lust aufzuschließen. Besser ihn mit seinen Gedanken zu lassen. Der Keim. Alles bestens.
Wir laufen zur Kapelle zurück, wo unsere Autos stehen. Wortlos verabschieden wir uns und fahren hinter einander über den Feldweg in Richtung Stadt. Der Weg mündet nach einigen hundert Metern in die Gasse, in welcher ihr Haus steht. Joachim parkt sich vor die Garage und im vorbeirollen sehe ich Johanna. Aus ihrem Fenster gebeugt winkt sie mir zu. Ich bleibe stehen, will aussteigen. Johanna deutet mir weiterzufahren und weiter unten zu warten. Scheinbar ist K. zuhause und soll mich nicht sehen. Ich fahre die Gasse hinunter und bleibe um die Ecke stehen, stelle den Wagen ab und gehe zurück, schaue ob Johanna kommt. Nach wenigen Minuten geht sie aus dem Haus und die Gasse hinunter. „Hast du Zeit auf einen Kaffee?“ Sie schnappt mich bei der Hand, zieht mich um die Ecke und außer Sichtweite krallt sie sich an meinem Rücken fest, drückt ihren Kopf an meine Brust, hält mich so fest, dass ich kaum Luft bekomme. Abrupt lässt sie mich wieder aus, atmet tief durch. „OK, lass uns abhauen“.
Im Cafe ist der übliche Samstagnachmittag Betrieb, alles voll. Wir setzten uns zu einem Pärchen an den Tisch und können uns anfänglich nicht wirklich unterhalten. Johanna greift sich immer wieder meine Hand, hält sie fest, lächelt mich an. Wir rauchen, trinken Kaffee und verfolgen das Gespräch des Paares am Tisch. Es geht um die Anschaffung eines neuen Esstisches mit Sessel, welchen sie wohl nehmen werden, wie lange sie noch sparen müssen und wie schön alles werden wird, wenn der Tisch und die Sessel mal da sind. Essenseinladungen für Freunde, Weihnachten mit Verwandten. Einfach ein neues Leben wird es werden. Nach einer viertel Stunde verlassen sie den Tisch.
„Solche Probleme werde ich auch bald haben“. „Hast du alles fixiert wegen der Wohnung?“ „Hab ich. Könnte eigentlich schon einziehen. Möchte aber vorher noch ein paar Möbel besorgen.“ „Nimmst du deine nicht mit?“ „Eher nicht, denke dass die Krise noch schlimmer wird, wenn Joachim, Rosa oder du mir helfen würden meine Möbel aus dem Haus zu tragen. Er weiß ja noch nicht, dass ich ausziehen werde. Wird das schon schlimm genug werden. Also lass ich lieber alles dort und besorge mir das notwendigste neu. Bett, Küche, Sofa, Tisch, Sessel und Schluss.“ Sie wirkt sehr klar in ihrer Meinung, kommt schön langsam wieder in Tritt. Die letzten Tage waren ja eher von Verzweiflung gekennzeichnet gewesen.
„Hat Joachim mit dir gesprochen?“ „Hat er, aber ich weiß nicht genau, was er sich erwartet hat.“ „Er wollte schauen, welche Nasenlöcher du machst, wollte schauen, wie weit du dich dazugehörig fühlst.“ „Dazugehörig zu was?“ „Zu uns, zu Joachim, Rosa und mir“. „Was ist dazugehörig, ich bin dein Freund, also gehöre ich wohl zu dir. Joachim ist dein Bruder und Rosa deine Mutter. Dazugehörig würde ich es nicht bezeichnen. Kommt darauf an, für was es sein soll“. „Ich denke Joachim heckt irgendetwas aus, um die Situation zuhause zu bereinigen“. „Heckt etwas aus? Zu mir hat er gesagt, er wird K. umbringen bevor er jemanden was antut.“ „Das hat er schon so oft gesagt. Aber zwischen reden und tun ist Gott sei Dank ein langer Weg.“ „Aber wozu braucht er mich?“ „Vielleicht zum beraten, vielleicht um ihm zu helfen, bei ich weiß nicht was. Ich denke er hätte dich gerne als Verbündeten gegen K. und da hat er gehofft, dass du als mein Freund eine klare Position gegen K. beziehst.“ „Aber ich kenne ihn ja kaum“. „Trotzdem, als mein Freund musst du auf meiner Seite, also gegen K. sein, so sieht Joachim das eben. Denke du hast es ihm nicht bestätigen können?“. „So konkret haben wir nicht darüber gesprochen“. „Aber ich frage dich jetzt konkret. Bis du gegen K. weil ich es auch bin? Bist du solidarisch, weil du mein Freund bis?“. Natürlich bin ich es, ich bin es auch, der das alles in Gang gebracht hat, nun nicht unbedingt ich, aber Iris eben. „Grundsätzlich bin ich es, aber ob ich als Komplize für einen Mord tauge, weiß ich bei aller Solidarität nicht“. Johanna lächelt mich an, legt ihre Hand auf meine, drückt sie. „Schauen wir wie Mörder aus? Sicher nicht“.
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