| Montag im Büro
Eva im Kopf und sonst keine Vorkommnisse. Das ganze weiter Wochenende sehr sensationslos. Kino, Herumhängen und am Sonntag Fernsehschauen. Und eben an Eva denken. Was sie wohl machte, ob ich nicht bei ihr einfach vorbeischauen sollte usw. Also war der Montag für mich erst einmal sehr erfreulich. Ich würde Eva wieder sehen. In freudiger Erwartung war ich bereits um 07.45h im Büro, machte mir Kaffee und wartete darauf, dass Eva kam. Wartete darauf klingt einfacher als es war. Mein Arbeitsplatz war im ersten Stock, am Linienflugschalter. Eva saß im Erdgeschoss im Verkaufslokal. Also stand ich am Schalter und unterhielt mich zu deren Verwunderung mit einer Kollegin, welche auch schon so zeitig da war. Der Alte hatte auch schon Position bezogen und schaute minütlich auf seine Uhr und auf mich. Warum geht der nicht auf seinen Arbeitsplatz. Wenn man schon früher hier ist kann man ja auch schon früher beginnen zu Arbeiten und muss nicht andere davon abhalten. Ich konnte seine Gedanken lesen – sie standen in Grossbuchstaben auf seine Stirn geschrieben. Doppelter Verlusst. Er arbeitet nicht, sie arbeitet nicht.
Bis 07.55h hielt ich es aus, dann war keine Möglichkeit mehr, am Schalter zu bleiben. Die Kollegin wurde nervös und der Alte auch. Also zog ich Leine. Eva war noch immer nicht da.
Montagmorgen war wie immer sehr stressig. Alle Firmen wollten Flüge nach überallhin buchen und wir kamen nicht mal zum pinkeln.
Gegen Mittag ebbte das Geschäft etwas ab und ich kam wieder zum denken. Ob Eva da war? Das war leicht festzustellen. Ich konnte hinuntergehen und mir einen Prospekt holen. Oft wollten die Sekretärinnen der Firmen auch privat etwas über das eine oder andere Reiseziel wissen und dann schicken wir ihnen mit den bestellten Flugtickets die gewünschten Prospekte mit. Eigentlich sprach nichts dagegen. Hatte sie keinen Kunden konnte ich vielleicht ein paar Worte quatschen und fragen was sie in der Mittagspause macht. Meist ging sie mit ihren Kolleginnen ins Kaffeehaus. So wie ich mit meinen Kolleginnen von der Flugabteilung.
Eva war da und im Begriff, ein Beratungsgespräch zu beenden. Also stöberte ich im Regal der Griechenland Kataloge bis ihre Kundin weg war. Dann erst schnappte ich 3-4 Stück. Eva schaute mich an, ein Lächeln, ein verschwörerischer Augenaufschlag und die klare Message – wir fangen hier keine Unterhaltung an und ich werde auch nicht die Mittagspause mit dir verbringen.
Am Nachmittag kam sie in die Flugabteilung. Sie brauchte einen Linienflugpreis von Athen zu einer der griechischen Inseln und sie kam zu mir um diesen zu erfragen. Wir hatten dazu ein dickes, grünes Buch und ich fasste es mir um den Tarif zu finden. Eine einfache Übung und ehe ich es mir versah war sie schon wieder am Gehen. „Ah, hätte ich fast vergessen – kannst du mir bitte zu diesen Daten passende Flugverbindungen über Athen raus schreiben, hat aber Zeit?“ Eva streckte mir einen handgeschriebenen, gefalteten Zettel mit Flugdaten hin. „Ja gerne, bring dir die Flugverbindung dann runter.“ Und dahin war sie wieder. Ich nahm den Zettel und das rote Buch mit den Flugverbindungen. Erst mal schauen, wann die Flüge nach Athen gehen. Athen hat zwei Flughäfen und man muss aufpassen wegen der Mindestanschlusszeit. Minimum Connecting Time, wie es bei uns am Flugschalter hieß. Ich faltete den Zettel auseinander um Platz zum Schreiben zu haben. Jetzt erst sah ich, dass Eva mir eine Nachricht darauf geschrieben hatte.
„Vergiss die Flugverbindung, die kann ich mir selbst auch raussuchen. Ich möchte keinesfalls dass irgendwer im Büro von unserer Nacht etwas erfährt. Also bitte – Business as usual! Bussi Eva.”
Wir kamen im Büro nicht zum reden und durch die räumliche Trennung sah ich auch nicht, wann sie ging, um sie außerhalb des Büros anzusprechen. Also begann ich, mich damit abzufinden, dass es eine coole Nacht war und Schluss.
Nach wie vor grüssten wir uns freundlich wenn wir uns sahen, ansonst war es aber wie zuvor. So ging es für den Rest der Woche. Bis Freitag. Am Freitag wurde ich von einer aufgeregten Kollegin angerufen, dass eine Dame am Schalter nach mit verlangte. Ich ging hinunter und es war Iris. Sie hatte ein schwarzes Kostüm an und der Rock war nicht sehr viel länger als die Jacke – zwar sehr elegant aber auch sehr, sehr sexy. Sie trug Schuhe mit sehr hohen Absätzen und alle Kolleginnen, inklusive dem Alten, starrten sie an.
Als ich zum Schalter kam unterhielt sie sich bereits mit Eva, unterbrach jedoch die Unterhaltung als ich den Schalterraum betrat.
„Hallo, wie geht es? Ich war gerade in der Nähe und dachte, vielleicht hast du Lust mit mir zum Mittagessen zu gehen?“ Ich schaute auf die Uhr, es war gerade 11.50h. Mittagspause war ab 12.00h und es war mir peinlich, Iris zu sagen, dass ich nicht um 11.50h das Büro verlassen konnte, ohne dass der Alte einen halben Herzinfarkt bekommen würde. „Würde ich gerne, aber ich muss dringend etwas fertig machen“. „Wie lange brauchst du?“ „Fünfzehn Minuten“. „Dann hole ich dich hier so um 12.15h ab, OK?“ „Ja. Das passt gut“.
Seit dem Abend bei Claire war irgendetwas anders geworden. Weder schreckte es mich, Iris zu sehen, noch dachte ich sehr oft an Cuba. Und wenn ich da oder dort mal geschäftlich damit konfrontiert war - es versetzte mich nicht mehr in Angst und Schrecken. Was geschehen war, war geschehen oder auch nicht. Es war vorbei und hatte kaum noch Einfluss mehr auf mich. Plötzlich freute ich mich auf Iris. Ein Mittagessen mit einer wunderschönen Frau. Alle würden mich beneiden. Schade dass wir außer Wolfgang und dem Alten keine Männer im Büro waren. Die Frauen waren sicherlich nur neidig, dass sie nicht so aussahen. Aber die Männer würden sich wünschen, an meiner Stelle zu sein.
Wir hatten ja nur 30 Minuten Mittagspause und mir wurde jetzt schon übel beim Gedanken, jede Minute auf die Uhr zu schauen und dann zu sagen, sorry, aber wir können nicht fertig essen, ich muss pünktlich ins Büro zurück sonst habe ich Stunk. Also füllte ich einen Zeitausgleichszettel aus und frage meine Abteilungsleiterin, ob ich mir den Nachmittag frei nehmen könne. Sie raunzte hin und her, warum mir das jetzt erst einfällt und Freitag ist ja eh immer soviel zu tun. Das hatte sie vom Alten gelernt und ich nahm es nicht weiter ernst. Wo kämen wir denn hin, wenn man einfach den Mitarbeiter frei gibt. Ihnen einfach die Zeit, die sie zuviel gearbeitet haben mit Freude zurückgibt. Nein, nein. Die sollen nur ein wenig schlechtes Gewissen haben, wenn sie statt zu arbeiten ihre Freizeit geniessen wollen.
Pünktlich um 12.15h ging ich hinunter zum Schalter. Wenn sie noch nicht da ist, werde ich vorm Büro warten, überlegte ich mir. Aber sie war bereits da und blätterte in einem Prospekt. Der Alte lehnte vor seiner Bürotür und der Geifer tropfte aus den Mundwinkeln.
Iris hackte sich bei mir unter und wir verließen das Büro. „Schön dass du Zeit hast, wohin wollen wir zum Essen gehen?“ Iris war guter Dinge und ich hatte keine Ahnung, wo man mit einer Dame zum Essen gehen konnte. „Auf was hast du Lust?“ Rethorische Frage meinerseits, in Wirklichkeit kannte ich nichts. „Italienisch vielleicht?“ Italienisch. Es gab eine Pizzeria gleich um Eck, aber dort konnte ich sie definitiv nicht hinführen. Italiener. War nicht in dem einen Palais am Weg in die Innenstadt ein italienisches Restaurant? Ich war mir nicht sicher. Und wenn es eines war. Sicherlich musste ich sie einladen – keine Ahnung wie das gehen soll.
„Hier in der Umgebung gibt es nichts Ordentliches. Wollen wir ein Stück Richtung Innenstadt spazieren. Ich denke da ist ein netter Italiener“. Iris hatte kein Problem mit einem kleinen Fußmarsch und so gingen wir los.
„Bist du jetzt doch länger geblieben als geplant? Claire sagte, du wolltest nur ein paar Tage bleiben“. „Waren auch nur ein paar Tage, am Sonntag fliege ich schon wieder zurück“.
Kurz dachte ich schade. Iris war wohl die attraktivste Frau die sich je mit mir abgegeben hatte. Nur was konnte ich mir erwarten? Niemals würde sie sich mit mir einlassen. Hatte ich schon mit Eva meine Probleme, warum daran denken, eine Frau wie Iris könnte mehr von mir wollen, als Essen zu gehen. Und das auch nur weil ihr fad war und sie niemanden sonst in der Stadt kannte, der Zeit gehabt hätte. Wie auch immer. Wir gingen zum Mittagessen, die Gäste im Restaurant würden bewundernd schauen und das war genug.
Wir gingen in den Innenhof des Palais und ich hatte Recht. Es gab dort ein italienisches Restaurant.
Erst fragte man nach unserer Reservierung. Hatten wir nicht und die Frau am Empfang zog ein verzweifeltes Gesicht. Sie holte einen Kollegen, der sah Iris und begann an Listen herumzustreichen. „Bitteschön, folgen sie mir. Haben gerade noch einen Tisch für sie freimachen können, das nächste Mal reservieren sie bitte. Wir sind normal immer ausreserviert.“ Für mich hätte er keinen Tisch freigemacht, dachte ich kurz.
Der freundliche Mann brachte uns zu einem winzigen Tisch, welcher direkt an der Wand stand. Eine Notlösung, aber immerhin.
Iris schien das Lokal zu mögen und wir schauten erst einmal in die Karten. Die Preise waren noch viel höher als ich mir vorstellen konnte. Klar dass ich Iris einladen musste. Mein Monatsbudget war damit verbraucht und auch nächsten Monat hieß es kürzer treten. Soll sein. Wir tranken erst einmal ein Glas Sekt und Iris meinte „Auf uns“. Was immer das heißen sollte, es klang ziemlich gut. Wir nahmen beide keine Vorspeise. Der Kellner überzeugte Iris vom Fisch des Tages, ich nahm Spaghetti. Nicht weil ich sie so sehr wollte, aber der Preis war verlockend. Das Lokal war mir nicht nur eine Spur zu fein. Ich fühlte mich definitiv fehl am Platz. Iris fühlte sich zuhause.
„Schön dass du dir Zeit genommen hast, mit mir Essen zu gehen. Wollte schon ganze Zeit mal vorbei schauen, war aber immer total beschäftigt. Ich bin dabei mir eine Wohnung zu suchen und du wirst nicht glauben wie schwierig es ist, das passende zu finden. Aber jetzt sieht es ganz gut aus und ich hoffe, dass ich nächste Woche den Kaufvertrag unterschreiben kann.“ „Du ziehst hierher?“ „Nun, nicht ganz, aber ich habe vor, mehr Zeit hier zu verbringen und da ist es vorteilhaft, auch eine Bleibe zu haben“. Das konnte ich nachvollziehen oder auch nicht. Das kam sicherlich darauf an, wie viel Zeit man in einer Stadt verbringen wollte. Und über wie viel Geld man verfügte.
Der Kellner brachte uns die Weinkarte und Iris ließ sich zu allem Überfluss einen „Madam, sie werden begeistert sein“-Wein empfehlen und entschuldigte sich anschließend kurz zum Nase pudern. Als sie mit dem Sessel zurückrutschte offenbarte sie mir einen kurzen, aber tiefen Einblick unter ihren Rock. Strümpfe und einen schwarzen Slip oder eben keinen Slip. Das war im Bruchteil einer Sekunde nicht so genau festzustellen.
Zurück von der Toilette erzählte sie mir, dass sie Claire von Ägypten kannte. Clair’s Familie lebte dort bis vor rund zehn Jahren und sie waren Freunde bis sie das Land verließ und damit der Kontakt abbrach.
Der Wein war da, die Gläser halb voll und das Essen standen am Tisch. Wir hatten eine nette, unverfängliche Unterhaltung und einen leichte Schwips.
„Denkst du noch oft an Cuba?“ Aus heiterem Himmel kam die Frage und mir blieb die Nudel im Hals stecken. Nach einem großen Schluck Wasser würgte ich ein „Was meinst du?“ hervor. „Ob du noch oft an Cuba denkst, eine Zeit lang war das wohl so.“ Auf einmal war alles wieder da, das Kloster, die Lucumi, Iris. „Ich weiß noch immer nicht was du meinst“. „Egal, wenn wir uns besser kennen, werde ich dir alles erklären. Halb so wild.“ Es verwirrte mich total, aber es versetze mich nicht mehr in die Unruhe, wie es früher jeder Gedanke daran getan hatte. Es war und es war vorbei. Was auch immer Iris mir sagen wollte, es konnte mir nichts mehr anhaben. Damit war das Thema auch schon wieder erledigt. Wir plauderten Belangloses. Bestellten Kaffee. Das Dessert ließen wir aus. Iris entschuldigte sich nochmals auf die Toilette, diesmal ohne einen Einblick zu gewähren.
Zurück am Tisch schaute sie auf die Uhr und beendete unser Mittagessen mit einem „Dann werden wir mal..“
Zum Glück war ein Kellner in der Nähe und ich verlangte die Rechnung. „Madam hat das bereits beglichen“. Iris schaute mich entschuldigend an. „Sorry, das nächste Mal lädst du mich ein, OK? Dachte nur, weil ich dich doch aus deinem Büro entführt habe.“ Ich machte auf enttäuscht und ließ mir die Erleichterung nicht ansehen. „War so nicht ausgemacht, aber auf Revanche.“ „Darauf kannst du dich verlassen“.
Wir verließen das Lokal, Iris verabschiedete sich mit einer innigen Umarmung und nahm sich ein Taxi. Ich stiefelte durch die Stadt in Richtung Büro. Erst automatisch, dann mit einem Plan. Telefon hieß das Zauberwort. Im Büro konnte ich Eva nicht anrufen, weil meine Kollegen alles mithören, aber von einer Telefonzelle ging das alleweil.
Eva meldete sich mit einem „Guten Tag“, dem Reisebüronamen, Ihrem Namen und „Wie kann ich ihnen helfen?“ Einfach unser Standard. „In dem sie mit mir nach Büro auf einem Kaffee gehen“. „Wer spricht“ Sie erkannte mich nicht und ich musste ihr sagen wer ich bin. „Passt, wollte dasselbe auch schon vorschlagen, nur musstest du ja den Nachmittag mit der gnädigen Frau Iris verbringen. Habt ihr es wenigstens nett gehabt?“ Ihre Stimme war leicht hantig. „Ja, durchaus. War sehr angenehm.“ „Na das freut mich“. Nochmals derselbe Tonfall. „Und wie wollen wir es machen, treffen wir uns gleich nach Büro?“ Ich musste sie festnageln. Jetzt alles fixieren, sonst fand sie wieder eine Ausrede. „Gleich nach Büro habe ich leider keine Zeit. Was wäre wenn wir uns so gegen acht auf ein Glas Wein treffen würden?“ Noch besser. „Gerne, wo?“ „Dort wo wir letztens waren, gleich bei mir um die Ecke?“ Scheiß Lokal, aber um Eva zu sehen war es mir doch recht. „Passt, bis dann“.
Jetzt blieb mir jede Menge Zeit und darum ging ich zu Fuß nach Hause, duschte ausgiebig und hockte mich mit einem Glas trockenem Sherry in meinen Lehnstuhl und hörte Musik.
Um 19.30h machte ich mich auf den Weg. Sehr gelassen. Ich hatte keine Ahnung was Eva wollte und was der Abend bringen würde. Natürlich hoffte ich insgeheim, dass wir bei ihr in der Wohnung endeten. Zu erwarten war es nicht. Die Chancen standen sogar eher schlecht. Aber man weiß ja nie. Beim ersten Mal hätte ich auch nicht damit gerechnet und wummm. Schon war es passiert.
Um 19.50h war ich im Lokal, bestellte mir ein kleines Bier und schaute alle paar Minuten zur Eingangstür. Es war bereits 10 nach acht und keine Spur von Eva.
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