Überraschender Weise kamen weder in der Nacht noch am nächsten Morgen die Soldaten um Merire zu holen. Am Morgen war seine Nervosität am Höhepunkt. Er wusste, dass sie ihn holen würden und empfand es nur mehr als Qual, darauf zu warten. Sollte er sich stellen? Vielleicht würde es ihm auch helfen wenn er von sich aus ging und alles erzählte. Gab es eine Chance davon zu kommen? Merire versuchte sich zu konzentrieren. Der Priester verließ Gestern die Baustelle Richtung Palast weil man ihm irrtümlich sagte, dass Senenmut dorthin gegangen sei. Im Palast stellte er fest, dass Senenmut nicht dort war. Was dann? Entweder er hat gewartet oder ist wieder zurück zur Baustelle. Nein, das hätte ihn zuviel Zeit gekostet. Er wird im Palast auf Senenmut gewartet, ihm alles erzählt haben. Daraufhin hatte Senenmut gewiss sofort seine Wachen losgeschickt und Menech verhaften lassen. Klar, Menech ist nicht irgendwer. Menech ist Hohepriester und mit allen Wassern gewaschen. Er wird nicht sofort sagen ‚Oh, ja mein lieber Senenmut, ich habe geplant Hatschepsut ermorden zu lassen und ich sage dir auch gleich wer aller Beteiligt war. Menech hatte sicherlich einen Plan für den Fall, dass ihn jemand verraten würde. Niemals würde er sofort alles preisgeben. Man wird ihn schon ein paar Tage foltern müssen bis er zusammenbricht und erst dann werden sie sich alle schnappen. Merire beruhigte sich etwas. Vielleicht doch noch ein paar Tage gewonnen. Konnte er nicht doch noch abhauen? Mal überlegen. Er würde zumindest nicht zur Arbeit gehen. Krank. Er war ohnehin kreidebleich und sah mehr als krank aus. Dann könnte er in Ruhe überlegen ob es einen Weg für ihn gab, hier wegzukommen. Ein paar Tage Vorsprung könnten schon was bringen. Jetzt war er schon fast guter Dinge. Das Ende des Lebens war noch nicht gekommen. Sich jetzt noch einmal aufraffen und es musste einen Weg heraus geben. Aber das Priesterlein hatte ja ihn auch gesehen. Was würde das bedeuten. Würde Menech nicht sagen, wer bei ihm war? Natürlich. Er würde den Plan leugnen aber er würde nicht leugnen dass Merire bei ihm war. Also würden sie ihn doch sehr bald holen kommen und was dann? Er würde alles gestehen, Folter kommt nicht in Frage. Dazu war er nicht geschaffen. Er könnte das keinen Moment aushalten. Die große dunkle Wolke stand wieder über ihm, noch viel größer und dunkler als zuvor. Wie auch immer. Er würde hier auf seinem Strohsack liegend darauf warten, dass man ihn holt. Und er würde alles gestehen. Nur keine Folter. Er hatte also doch sein Leben verwirkt.
Ipui und Paneb machten sich Sorgen. Sie sahen dass Merire krank war aber sie sahen auch, dass ihn etwas bedrückte, was größer und schwerwiegender war als alles zuvor. Also fragten sie ihn erst gar nicht was es war, sie stahlen sich aus ihrer Unterkunft und versprachen, an der Baustelle zu melden dass Merire krank sei. Wahrscheinlich würde der Aufseher dann ohnehin bald jemanden vorbeischicken, der sich um Merire kümmerte. Die Versorgung der Arbeiter war diesbezüglich vorbildlich. Wohl auch aus Eigennutzen. Ein kranker Arbeiter trug ja nichts zum Baufortschritt bei.
Apathisch blieb Merire zurück. Der ganze Tag verfloss zwischen der Überlegung, ob es nicht doch Sinn machen würde zu fliehen und der Erwartung der unvermeidlichen Verhaftung. Unterbrochen wurde dieses Hin und Her nur von einem Sklaven, der ihm einen Kräutertrank brachte, den er widerwillig hinunterwürgte und der seiner Gemütsverfassung keinerlei Besserung bescherte.
Der Tag verfloss und ohne dass etwas passierte wäre sah er Ipui und Paneb von der Arbeit zurückkommen. War er sich am Morgen noch sicher, dass er sie niemals mehr wieder sehen würde kam jetzt so etwas wie Freude auf, als er sie kommen sah.
Sie erkundigten sich kurz nach seinem Gesundheitszustand und dann platzte es auch schon aus ihnen heraus. Die große Neuigkeit. Gestern Nacht war die erst Tochter der Hatschepsut, Neferure gestorben. Man sagt, sie hat am späten Abend über Schmerzen im Bauch geklagt, welche immer stärker geworden sind und bevor noch die Magiere beginnen konnten, den bösen Geist auszutreiben, bestieg sie schon die Barke Re’s ins Jenseits.
Und so wie schon beim Tod von Tutmosis I erster Tochter, der Schwester von Hatschepsut, das Gerücht umging, sie sei von Priestern vergiftet worden, so verbreitete sich auch heute auf der Baustelle eine hässliche Geschichte. Noch am Abend habe sie ein junger Priester besucht, der ihr des öfteren Schreibunterricht gegeben hatte. Nachdem dieser Priester verschwunden war schickte sie ihren Herold zu Senenmut, mit der Bitte, sofort zu ihr zu kommen um kurz darauf über große Schmerzen zu klagen und bevor noch Senenmut, ein Mediziner oder die Magiere bei ihr waren war sie auch schon verstorben. Also sucht man den kleinen Priester, der sie wohl zuletzt lebend gesehen hat. Doch dieser ist vom Erdboden verschluckt. Einfach weg. „Jetzt ist es aber auch noch so, dass dieser Priester ein Vertrauter Senenmuts war, du hast ihn sicherlich schon mal mit ihm auf der Baustelle gesehen. Ich jedenfalls kann mich gut an ihn erinnern. Immer um den Baumeister herum."
Die Sonne schien strahlend wie nie zuvor. Das Leben kam zu Merire zurück. Er hatte noch keine Vorstellung was gestern passiert sein mochte, aber es schien so zu sein, dass die Information über das geplante Komplott noch nicht an die Oberfläche gekommen war. Er entspannte sich erst einmal. Wie schön war es hier mit den Freunden zu sitzen und den Abend zu genießen.
„Gab es sonst noch was zu erzählen" Auch wenn das natürlich die tollsten Neuigkeiten waren, von einer Verhaftung eines Hohepriester hätte man sicherlich auch erzählt. Aber, sonst gab es nichts. Hoffentlich war dieser Priester abgehauen und tauchte nie wieder auf. Aber warum hätte er Neferure vergiften sollen? Was war Grund dafür. Merire konnte sich dazu nichts vorstellen und es war auch egal. Sein Kopf war zumindest für den Moment aus der Schlinge. Was passieren würde, wenn man den Priester fand, darüber wollte er sich später Gedanken machen. Nicht heute und nicht morgen. Er würde wieder zur Arbeit gehen und... er hatte ja auch eine gute Nachricht für die beiden und jetzt war er in der Stimmung sie zu überbringen. Und er musste mit Pescharu reden, jetzt wo ihm Menech das Haus zugesagt hatte, stand einer Hochzeit nichts mehr im Wege. Aber das sollte bis Morgen warten. Heute wollte er mal den Abend mit Ipui und Paneb verbringen, vielleicht ein, zwei Biere trinken und einmal zufrieden sein.
Die nächsten Jahre waren gute Jahre für Merire. Menech hatte nach dem Tode von Neferure seinen Plan zur Ermordung der Hatschepsut aufgeschoben. Nicht weil er das so wollte. Menech wäre sofort zur Tat geschritten. Ungeachtet aller Gerüchte, all des Geschwätzes an den Feuern. Aber Thutmosis setzte sich durch. Der rechtmäßige Pharao, dessen Krone Hatschepsut mit eiserner Hand von ihm fern hielt, Thutmosis untersagte erst einmal ein weiteres Morden. Auch den Priester hatte man wenige Tage nach Neferures Tod gefunden. Sein Leiche trieb mit durchschnittener Kehle im Nil, erzählte man. Selbstmord wurde verbreitet. Aber wie durchschneidet sich einer mit einem glatten Schnitt selbst die Kehle fragte sich Merire?
Wie auch immer. Für ihn waren diese Entwicklungen lebensrettend. Und er war sich seines Glücks täglich bewusst.
Nun führte er ein beschauliches Leben mit seiner Frau, die ihm mittlerweile eine Tochter geschenkt hatte. Der Totentempel der Hatschepsut war fertig und er arbeitete an kleineren Bauten. Da ein Grabmal, dort ein Palast. Der Grossteil der Arbeiter war wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt oder auf andere Baustellen gebracht worden. Die Zurückgebliebenen hatten wenig zu tun und wurden gut versorgt. Paneb und Ipui waren noch immer bei ihm und bewohnten zusammen auch ein kleines Haus unweit des Seines. Nicht weil es ihrer Position entsprach, aber es waren mehr Häuser vorhanden als Menschen da waren, und so ließ sie Menem auch ein Haus bewohnen. Natürlich dachten sie immer wieder mal daran, warum sie weiterhin hier behalten wurden. Aber diese Gedanken wurden schnell vom guten Leben weggewischt.
So vergingen die Jahre und der Tutmosis wurde immer mehr zum Manne und wieder machte ein Gerücht die Runde. Tutmosis will den Thron. Und zwar schon bald. Er bedrängte Hatschepsut ihn auf den Thron zu setzten. Doch Hatschepsut hielt ihn mit allerlei Ausreden hin und viele hier im Arbeiterdorf und auch anderswo meinten, dass Tutmosis ein guter Pharao wäre, besser als Hatschepsut, die am Ende des Tages doch nur eine Frau war.
Diese Stimmung verstärkte sich immer mehr und Merire fühlte, dass das gute Leben bald vorbei sein würde. Er hatte keine Ahnung warum, aber es lag nichts Gutes in der Luft. Und er sollte Recht behalten. Es war sehr früh am Morgen, als er von Ipui geweckt wurde. Die Eine ist Tod. Es gibt sie nicht mehr. Und auch Senenmut ist von uns gegangen. Thutmosis wird unser Pharao werden. Merire musste nicht fragen, es war ihm klar wer dahinter stand und dass es nun sehr bald soweit sein würde, ihre Schulden zu bezahlen und es dauerte nicht lange bis Menech nach ihm schicken ließ.
"Merire, nun ist es bald soweit. Der Pharao ist tot, es lebe der Pharao. Ich werde mich doch auf dich verlassen können?" Natürlich würde Menech sich verlassen können. Nach all dem was er für ihn getan hatte war es nur selbstverständlich. 70 Tage wird das Land um seinen Pharao trauern und dann wird sie in ihr Grabmal gebracht werden. Schon in einer der nächsten Nächte muss dann zur Tat geschritten werden. Aus dem Totentempel der Hatschepsut muss jede Inschrift entfernt werden. So war es ausgemacht und so wird es sein. Merire hat sich über all die Zeit versucht all die Stellen einzuprägen, an welchem der Name Hatschepsut geschrieben steht. Obwohl es nun schon einige Jahre her ist, dass der Totentempel fertig gestellt wurde - Merire war für den Tag vorbereitet. Immer wieder hat er sich im Geiste die Plätze vorgestellt. Einen nach dem anderen. Unzählige Runden ist er im Geiste durch den Tempel gegangen. Nur keine der Inschriften vergessen. Die Götter werden Hatschepsut niemals finden. Nirgendwo ihren Namen entdecken. Sie wird vergessen sein in alle Ewigkeit.