|
Eine warme Herbstsonne wirft Ihre Strahlen durch die Glasfront und spielt mit dem Rauch meiner Zigarette. Das Kaffeehaus ist menschenleer. Die Kellnerin lehnt hinter der Theke und blättert in einer Illustrierten. Im Nebenraum dringt leise Musik aus einem Radio. Trotz des schönen Wetters sind kaum Menschen auf der Straße. Zu früh für einen Sonntagmorgen. Ich vertiefe mich in einen Artikel über Lomi Lomi, zwischendurch schaue ich auf die Strasse. Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Taschen einer schwarzen Daunenjacke, überquert Johanna die Straße und geht an der Front des Kaffees entlang zum Eingang. Ich höre hinter mir die Tür schließen und schon steht sie vor mir, zeigt sich erfreut, nicht überrascht, lässt die Jacke von den Schultern gleiten, ein "Frei hier?" im Hinsetzten, die Jacke landet neben mir auf der Bank und Johanna am Hocker. "Schöner Tag...einen großen Braunen bitte... auch schon so zeitig auf...wunderbar...ich bin Johanna" Ich weiß. Blauer Pulli, Jeans, Turnschuhe. "Zigarette" Sie hält mir Ihre Schachtel unter die Nase "Ich rauche meine" "Störe ich" "Nein, überhaupt nicht" Tiefer Blick aus ihren großen, braunen Augen. "Dachte schon". Sie streicht mit beiden Händen den Pagenkopf zu einem Zopf zusammen, lässt Ihn durch die Hand gleiten und wieder auseinander fallen. "Findest du das blöd, dass ich mich einfach zu dir setzte?" Ich deute ein nein. „ Aber das ganze Kaffee ist leer und da fand ich es besser, mich hier her zu setzten, als zwei Tische weiter. Denn letztlich schaue ich dann ganze Zeit unauffällig hinüber. Es ist mir einfach unmöglich, den einzigen anderen Menschen im selben Raum nicht zu beobachten. Und das ist noch blöder, als sich gleich an den Tisch zu setzten. Oder?" Sie hat Recht und ich lächle Sie an. Trotzdem bin ich nicht ganz glücklich darüber. Gerade hatte es angefangen Spaß zu machen, sich über den Weg zu laufen, sich zu begegnen, zu beobachten, alles in Schwebe zu halten. Vorbei. Um den Spaß gebracht. „Ich bin echt dumm mich zu dir zu setzten, wenn du mit mir reden wolltest hättest du mich gestern angesprochen". Da hat Sie Recht. Trotzdem fasle ich was von müde und nicht in Stimmung und beginne, einen Artikel über Aromatherapie zu lesen. „Das heißt, du bist gestern gleich nach Hause" Ich nicke. „Ich bin dann auch gleich gegangen" Als ob mir das nicht klar wäre. „Bin ganz froh dass es gestern nicht spät wurde, Joachim, mein Bruder, ist versumpft, erst um 07.00h heimgekommen. Jetzt pennt er den ganzen Tag. Passiert samstags öfters, nur nicht nachhause gehen, solange noch was passieren könnte - um dann jede Woche erneut raus zu finden, dass nichts von alleine passiert." "Und du?" "Hänge genauso mit ihnen herum. Aber heut bin ich froh, dass ich gestern bald gegangen bin. Ist so ein superschöner Tag, viel zu schade um ihn zu verschlafen. Ist doch viel angenehmer hier zu sitzen, Kaffee, Zigaretten, quatschen. Und ich hab mich auch gefreut, dich hier sitzen zu sehen. Sind uns ja jetzt fast jeden Tag über den Weg gelaufen. Bist du oft hier?" „Nicht wirklich". Pagenkopf - Zopf durch eine Hand - Kopf nach vorne schwingen die Haare ins Gesicht. Sendepause. Johanna spielt nachdenklich mit den Spitzen einer Haarsträhne. Überlegt wohl ob es sich lohnt, dran zu bleiben. Ist nicht oft hier - heißt das auch, ist bald wieder weg? Für den Moment gibt sie auf. „Werd mal einen Blick in die Zeitung werfen" Sie blättert den auf der Bank liegenden Stoss Tageszeitungen durch und zieht sich eine heraus. Ich bestelle mir noch einen Kaffee, blase Ringe in die Luft und bin eins mit mir selbst. Das Zeitungslesen ist ein überfliegen der Headlines und fahriges Blättern. Nach wenigen Minuten landet die Zeitung wieder auf der Bank. „Also, noch eine Zigarette und ich bin dahin - wie spät ist es eigentlich?" Ich sehe auf die Wanduhr hinter der Theke. Grosse, weiße Uhr. „Kurz vor 10.00h". "Habe Mutter versprochen beim Kochen zu helfen. Null Bock, aber versprochen ist versprochen. Und du?." „Nichts weiter. Werde dann auch ein wenig in der Sonntagszeitung blättern, relaxen". Johanna drückt die Zigarette nach wenigen Zügen in den Aschenbecher, löst sich in Zeitlupe vom Hocker. Ohne sich ganz aufzurichten greift sie sich die Jacke, verharrt gebückt für eine Sekunde um sich dann mit einem Ruck kerzengerade vor mich hinzustellen. Sie schleudert mir ein forsches „Und am Nachmittag?" entgegen. Doch nicht aufgegeben. Der anliegende Pullover betont ihre vollen Brüste. „Was machst du am Nachmittag?" „Keine Ahnung, hab nichts geplant". „OK, dann treffen wir uns 14.00h hier und fahren ein wenig raus". Will ich, soll ich, darf ich. Ihr offensiver Vorstoß verendet in einem unsicheren Kopfeinziehen. „Sorry, ich mein, wir kennen uns nicht und ich dränge mich pausenlos auf. Vergiss es. Wir sehen uns, wir sehen uns nicht". Mir bleibt nicht mal Zeit ein Wort zu sagen, ist sie schon aus dem Lokal draußen. Durch das Fenster sehe ich sie mit ihrer Daunenjacke kämpfen bis mich die nächste Ecke auch von dieser Vorführung abschneidet. Sie wird jetzt sauer sein. Sauer über sich selbst. Gerne würde ich ihr sagen, dass sie alle Zeit der Welt hat, die Dinge den ihnen bestimmten Lauf nehmen werden. Sie weiß noch nicht wohin alles führen wird und wie sehr die nächsten Wochen ihr Leben verändern werden. Ich lese in einigen der Zeitungen und Illustrierten. Eines der Magazine hat einen grossen Reiseteil. Ein tolles Hotel, jede Menge Billigflüge, Bali, Thailand. Mal wieder raus aus dem europäischen Winter. In Wien gibt es auch ein neues Hotel, das Do& Co Hotel Wien. Ich träume, lasse gemütlich die Zeit vergehen. Rauchen, einen Toast mit Ketchup, noch einen Kaffee. Das Lokal hat sich zwischenzeitlich gefüllt und auch wieder geleert. Es ist Mittag und die ganze Stadt sitzt zuhause beim Essen. So wie meine Familie zuhause sitzt und schnitzelbratgeselchtes Sonntagsessen isst. Johanna, Rosa, Joachim und, ja und. "Und" war der einzige den ich noch nicht gesehen hatte und somit der einzige unklare Punkt. Ein Nachteil gewiss, denn ich kannte den Hauptdarsteller, die unbestritten wichtigste Person noch nicht. Was, wenn es Ihn gar nicht mehr gab. Geschieden, verschwunden, verschollen. Nein, sicher nein. Er war da. Die Familie fand mich, wie sie mich finden musste und so wie sie mich fand so war er auch da. Ich habe Zeit. Alles wird kommen wie es kommen muss. Unaufhaltsam, vorbestimmt und unabänderlich. Er ist dort, sitzt am Tisch und alles ist in perfekter Ordnung. Vorbestimmt und unabänderlich. Die Sonne lacht noch immer von einem strahlen blauen Herbsthimmel und ich beschließe eine Runde zu gehen. Es fließt ein kleiner Fluss durch die Stadt und am Ufer entlang führt ein Weg. Gerade recht für einmal kurz die Beine vertreten. Ich verlasse das Kaffee und will gerade die Straßenseite wechseln als ich aus den Augenwinkeln eine Person in schwarzer Daunenjacke auf das Kaffee zugehen sehe. Johanna. Ich drehe mich herum und grüße. „Hallo, Johanna. Unterwegs auf einen Verdauungskaffee?" „Jein, wollte nur mal reinschauen wer da ist" „ Genau niemand, außer der Kellnerin." Unsicher steht Johanna vor mir - reingehen hat sich erledigt, weitergehen will Sie offensichtlich nicht. „Lust mit mir eine Runde am Fluss zu gehen?" Ungewollt kommt die Frage aus meinem Mund und ehe ich mich darob wundern kann hat sie zugesagt. Genau auf der Mitte der Strasse bleibt sie stehen. „Warum wollen wir eigentlich mitten in der Stadt spazieren gehen wenn wir in 10 Minuten im Grünen sein können?" Johanna sitzt weit zurückgelehnt im Wagen und lenkt in gemächlichem Tempo durch die engen Kurven, runterschalten, raufschalten, in den wenigen Geraden etwas beschleunigen. Die Sonne blitzt da und dort zwischen den Bäumen hervor und lässt die Farben des Herbstes leuchten. Das Laub liegt feucht bis weit in die schmale Straße. Ihre Finger klopfen am Lenkrad im Takt mit Patty Smith's "Gloria". Wir reden kaum und von Zeit zu Zeit schenkt sie mir eines ihrer breiten Lächeln. Alles ist wunderbar. K. hat Ihr den Wagen im vergangenen Jahr zum Geburtstag geschenkt. Also ist er. Ist die Familie komplett wie sie komplett sein muss und alles ist wunderbar. Das Mittagessen war eben Schnitzelbratselchsonntagsessen mit kleiner Streiterei warum K. immer zu spät vom sonnmorgendlichen Gasthausbesuch kommt und alle mit dem Essen warten lässt. Johanna lenkt den Wagen in einen Waldweg, bleibt stehen und stellt den Motor ab. Sie streckt sich weit zurück und beendet die Dehnübung mit Ihrer Pagenkopf-Zopf-Bewegung. "Gut". Wir steigen aus und schlurfen durch das Laub. Geräuschvoll saugt sie die kühle, feuchte Waldluft ein, wirft einem imaginären Hund Stöckchen, zupft Blätter von einem Strauch um sie in die Luft zu werfen und hängt sich schließlich bei mir ein. „Irgendwie ist es ob ich dich schon länger kennen würde, komisch" Sie sagt es so dahin, erwartet keine Antwort. Stellt nur fest. Sie bleibt stehen und haucht mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich lege meinen Arm um Ihre Schulter, sie den ihren um meine Hüfte und wir schlendern dahin wie ein Liebespaar, dass wir nicht sind. Bei der Rückfahrt wird es bereits dunkel, über der Straße hängen Nebelfetzen und Johanna fährt sehr konzentriert. Die Unbeschwertheit des Nachmittags ist stiller Nachdenklichkeit gewichen ‚. Der Nebel wird dichter und Johanna richtet Ihre Rücklehne weiter nach vor, hält mit beiden Händen das Lenkrad. "Scheiß Nebel, ich hasse ihn. Voriges Jahr hab ich K.’s heiliges Auto in den Straßengraben gesetzt" Sie versucht ein krampfiges Lächeln. „War ein Theater der Sonderklasse. ‚Nur Volltrottel verlieren bei einem Nebelhauch gleich Nerven, Orientierung und den Kontakt zur Strasse. Passieren kann jedem was, aber zu so einem Scheiß gehört schon einen Portion besondere Dämlichkeit’. Hat mir einen absolut Unverkrampften Zustand zu Nebel eingebracht. Ich mag nicht mal mehr spazieren gehen, wenn es nebelig ist. Nach einigen Minuten hebt sich zum Glück der Nebel und damit Johannas Stimmung. Sie stellt die Lehne wieder zurück, dreht das Radio an und beginnt sich wieder zu entspannen. Ein paar Kilometer und wir erreichen die Lichter der Stadt. „Zurück zum Kaffee?" Ich nicke. Mein Auto steht dort und auch ich will dann schon mal nach Hause. "War wirklich ein wunderschöner Tag, ich hoffe auch für dich". Johanna drückt mir einen trockenen Kuss auf die Wange, drückt sich kurz an meine Schulter um sich gleich wieder in Ihren Sitz zurückzulehnen. "Also bis bald" "Bis bald" Ich lasse die Autotüre zufallen und überquere hinter Ihr die Straße. Schultern hochgezogen, die Hände tief in den Taschen einer schwarzen Daunenjacke, überquert Johanna die Straße und geht an der Front des Kaffees entlang zum Eingang. Ich höre hinter mir die Tür schließen und schon steht sie vor mir, zeigt sich erfreut, nicht überrascht, lässt die Jacke von den Schultern gleiten, ein "Frei hier?" im Hinsetzten, die Jacke landet neben mir auf der Bank und Johanna am Hocker. "Schöner Tag...einen großen Braunen bitte... auch schon so zeitig auf...wunderbar...ich bin Johanna" Ich weiß. Blauer Pulli, Jeans, Turnschuhe. "Zigarette" Sie hält mir Ihre Schachtel unter die Nase "Ich rauche meine" "Störe ich" "Nein, überhaupt nicht" Tiefer Blick aus ihren großen, braunen Augen. "Dachte schon". Sie streicht mit beiden Händen den Pagenkopf zu einem Zopf zusammen, lässt Ihn durch die Hand gleiten und wieder auseinander fallen. "Findest du das blöd, dass ich mich einfach zu dir setzte?" Ich deute ein nein. „ Aber das ganze Kaffee ist leer und da fand ich es besser, mich hier her zu setzten, als zwei Tische weiter. Denn letztlich schaue ich dann ganze Zeit unauffällig hinüber. Es ist mir einfach unmöglich, den einzigen anderen Menschen im selben Raum nicht zu beobachten. Und das ist noch blöder, als sich gleich an den Tisch zu setzten. Oder?" Sie hat Recht und ich lächle Sie an. Trotzdem bin ich nicht ganz glücklich darüber. Gerade hatte es angefangen Spaß zu machen, sich über den Weg zu laufen, sich zu begegnen, zu beobachten, alles in Schwebe zu halten. Vorbei. Um den Spaß gebracht. „Ich bin echt dumm mich zu dir zu setzten, wenn du mit mir reden wolltest hättest du mich gestern angesprochen". Da hat Sie Recht. Trotzdem fasle ich was von müde und nicht in Stimmung. „Das heißt, du bist gestern gleich nach Hause" Ich nicke. „Ich bin dann auch gleich gegangen" Als ob mir das nicht klar wäre. „Bin ganz froh dass es gestern nicht spät wurde, Joachim, mein Bruder, ist versumpft, erst um 07.00h heimgekommen. Jetzt pennt er den ganzen Tag. Passiert samstags öfters, nur nicht nachhause gehen, solange noch was passieren könnte - um dann jede Woche erneut raus zu finden, dass nichts von alleine passiert." "Und du?" "Hänge genauso mit ihnen herum. Aber heut bin ich froh, dass ich gestern bald gegangen bin. Ist so ein superschöner Tag, viel zu schade um ihn zu verschlafen. Ist doch viel angenehmer hier zu sitzen, Kaffee, Zigaretten, quatschen. Und ich hab mich auch gefreut, dich hier sitzen zu sehen. Sind uns ja jetzt fast jeden Tag über den Weg gelaufen. Bist du oft hier?" „Nicht wirklich". Pagenkopf - Zopf durch eine Hand - Kopf nach vorne schwingen die Haare ins Gesicht. Sendepause. Johanna spielt nachdenklich mit den Spitzen einer Haarsträhne. Überlegt wohl ob es sich lohnt, dran zu bleiben. Ist nicht oft hier - heißt das auch, ist bald wieder weg? Für den Moment gibt sie auf. „Werd mal einen Blick in die Zeitung werfen" Sie blättert den auf der Bank liegenden Stoss Tageszeitungen durch und zieht sich eine heraus. Ich bestelle mir noch einen Kaffee, blase Ringe in die Luft und bin eins mit mir selbst. Das Zeitungslesen ist ein überfliegen der Headlines und fahriges Blättern. Nach wenigen Minuten landet die Zeitung wieder auf der Bank. „Also, noch eine Zigarette und ich bin dahin - wie spät ist es eigentlich?" Ich sehe auf die Wanduhr hinter der Theke. Grosse, weiße Uhr. „Kurz vor 10.00h". "Habe Mutter versprochen beim Kochen zu helfen. Null Bock, aber versprochen ist versprochen. Und du?." „Nichts weiter. Werde dann auch ein wenig in der Sonntagszeitung blättern, relaxen". Johanna drückt die Zigarette nach wenigen Zügen in den Aschenbecher, löst sich in Zeitlupe vom Hocker. Ohne sich ganz aufzurichten greift sie sich die Jacke, verharrt gebückt für eine Sekunde um sich dann mit einem Ruck kerzengerade vor mich hinzustellen. Sie schleudert mir ein forsches „Und am Nachmittag?" entgegen. Doch nicht aufgegeben. Der anliegende Pullover betont ihre vollen Brüste. „Was machst du am Nachmittag?" „Keine Ahnung, hab nichts geplant". „OK, dann treffen wir uns 14.00h hier und fahren ein wenig raus". Will ich, soll ich, darf ich. Ihr offensiver Vorstoß verendet in einem unsicheren Kopfeinziehen. „Sorry, ich mein, wir kennen uns nicht und ich dränge mich pausenlos auf. Vergiss es. Wir sehen uns, wir sehen uns nicht". Mir bleibt nicht mal Zeit ein Wort zu sagen, ist sie schon aus dem Lokal draußen. Durch das Fenster sehe ich sie mit ihrer Daunenjacke kämpfen bis mich die nächste Ecke auch von dieser Vorführung abschneidet. Sie wird jetzt sauer sein. Sauer über sich selbst. Gerne würde ich ihr sagen, dass sie alle Zeit der Welt hat, die Dinge den ihnen bestimmten Lauf nehmen werden. Sie weiß noch nicht wohin alles führen wird und wie sehr die nächsten Wochen ihr Leben verändern werden. Ich lese in einigen der Zeitungen und Illustrierten. Einses der Magazine hat einen grossen Reiseteil. Ein tolles Hotel, jede Menge Billigflüge, Bali, Thailand. Mal wieder raus aus dem europäischen Winter. Ich träume, lasse gemütlich die Zeit vergehen. Rauchen, einen Toast mit Ketchup, noch einen Kaffee. Das Lokal hat sich zwischenzeitlich gefüllt und auch wieder geleert. Es ist Mittag und die ganze Stadt sitzt zuhause beim Essen. So wie meine Familie zuhause sitzt und schnitzelbratgeselchtes Sonntagsessen isst. Johanna, Rosa, Joachim und, ja und. "Und" war der einzige den ich noch nicht gesehen hatte und somit der einzige unklare Punkt. Ein Nachteil gewiss, denn ich kannte den Hauptdarsteller, die unbestritten wichtigste Person noch nicht. Was, wenn es Ihn gar nicht mehr gab. Geschieden, verschwunden, verschollen. Nein, sicher nein. Er war da. Die Familie fand mich, wie sie mich finden musste und so wie sie mich fand so war er auch da. Ich habe Zeit. Alles wird kommen wie es kommen muss. Unaufhaltsam, vorbestimmt und unabänderlich. Er ist dort, sitzt am Tisch und alles ist in perfekter Ordnung. Vorbestimmt und unabänderlich. Die Sonne lacht noch immer von einem strahlen blauen Herbsthimmel und ich beschließe eine Runde zu gehen. Es fließt ein kleiner Fluss durch die Stadt und am Ufer entlang führt ein Weg. Gerade recht für einmal kurz die Beine vertreten. Ich verlasse das Kaffee und will gerade die Straßenseite wechseln als ich aus den Augenwinkeln eine Person in schwarzer Daunenjacke auf das Kaffee zugehen sehe. Johanna. Ich drehe mich herum und grüße. „Hallo, Johanna. Unterwegs auf einen Verdauungskaffee?" „Jein, wollte nur mal reinschauen wer da ist" „ Genau niemand, außer der Kellnerin." Unsicher steht Johanna vor mir - reingehen hat sich erledigt, weitergehen will Sie offensichtlich nicht. „Lust mit mir eine Runde am Fluss zu gehen?" Ungewollt kommt die Frage aus meinem Mund und ehe ich mich darob wundern kann hat sie zugesagt. Genau auf der Mitte der Strasse bleibt sie stehen. „Warum wollen wir eigentlich mitten in der Stadt spazieren gehen wenn wir in 10 Minuten im Grünen sein können?" Johanna sitzt weit zurückgelehnt im Wagen und lenkt in gemächlichem Tempo durch die engen Kurven, runterschalten, raufschalten, in den wenigen Geraden etwas beschleunigen. Die Sonne blitzt da und dort zwischen den Bäumen hervor und lässt die Farben des Herbstes leuchten. Das Laub liegt feucht bis weit in die schmale Straße. Ihre Finger klopfen am Lenkrad im Takt mit Patty Smith's "Gloria". Wir reden kaum und von Zeit zu Zeit schenkt sie mir eines ihrer breiten Lächeln. Alles ist wunderbar. K. hat Ihr den Wagen im vergangenen Jahr zum Geburtstag geschenkt. Also ist er. Ist die Familie komplett wie sie komplett sein muss und alles ist wunderbar. Das Mittagessen war eben Schnitzelbratselchsonntagsessen mit kleiner Streiterei warum K. immer zu spät vom sonnmorgendlichen Gasthausbesuch kommt und alle mit dem Essen warten lässt. Johanna lenkt den Wagen in einen Waldweg, bleibt stehen und stellt den Motor ab. Sie streckt sich weit zurück und beendet die Dehnübung mit Ihrer Pagenkopf-Zopf-Bewegung. "Gut". Wir steigen aus und schlurfen durch das Laub. Geräuschvoll saugt sie die kühle, feuchte Waldluft ein, wirft einem imaginären Hund Stöckchen, zupft Blätter von einem Strauch um sie in die Luft zu werfen und hängt sich schließlich bei mir ein. „Irgendwie ist es ob ich dich schon länger kennen würde, komisch" Sie sagt es so dahin, erwartet keine Antwort. Stellt nur fest. Sie bleibt stehen und haucht mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich lege meinen Arm um Ihre Schulter, sie den ihren um meine Hüfte und wir schlendern dahin wie ein Liebespaar, dass wir nicht sind. Bei der Rückfahrt wird es bereits dunkel, über der Straße hängen Nebelfetzen und Johanna fährt sehr konzentriert. Die Unbeschwertheit des Nachmittags ist stiller Nachdenklichkeit gewichen ‚. Der Nebel wird dichter und Johanna richtet Ihre Rücklehne weiter nach vor, hält mit beiden Händen das Lenkrad. "Scheiß Nebel, ich hasse ihn. Voriges Jahr hab ich K.’s heiliges Auto in den Straßengraben gesetzt" Sie versucht ein krampfiges Lächeln. „War ein Theater der Sonderklasse. ‚Nur Volltrottel verlieren bei einem Nebelhauch gleich Nerven, Orientierung und den Kontakt zur Strasse. Passieren kann jedem was, aber zu so einem Scheiß gehört schon einen Portion besondere Dämlichkeit’. Hat mir einen absolut Unverkrampften Zustand zu Nebel eingebracht. Ich mag nicht mal mehr spazieren gehen, wenn es nebelig ist. Nach einigen Minuten hebt sich zum Glück der Nebel und damit Johannas Stimmung. Sie stellt die Lehne wieder zurück, dreht das Radio an und beginnt sich wieder zu entspannen. Ein paar Kilometer und wir erreichen die Lichter der Stadt. „Zurück zum Kaffee?" Ich nicke. Mein Auto steht dort und auch ich will dann schon mal nach Hause. "War wirklich ein wunderschöner Tag, ich hoffe auch für dich". Johanna drückt mir einen trockenen Kuss auf die Wange, drückt sich kurz an meine Schulter um sich gleich wieder in Ihren Sitz zurückzulehnen. "Also bis bald" "Bis bald" Ich lasse die Autotüre zufallen und überquere hinter Ihr die Straße.
|