Keine zehn Tage später ließ Menech nach ihm rufen und Merire fühlte sich plötzlich wieder so klein und ängstlich wie beim ersten Mal. Was würde er von ihm wollen? War ihm zu Ohren gekommen, dass er beabsichtigte sich in der Siedlung der Vorarbeiter zu vermählen? Nervosität stieg auf, als er vom Sklaven in das Zelt gebeten wurde. Doch Menech nahm ihm sofort jede Furcht. „Mein lieber Merire. Du machst mir Freude. Ich höre nur das Beste von dir. Und weil du dich so gut machst habe ich ein kleines Geschenk für dich. Es wird Zeit das du in ein ordentliches Haus ziehst, oder?“ Merire verzog keine Mine. „Oder?“ Menech rempelte ihn mit dem Ellbogen und Merire, am falschen Fuß stehend wäre fast umgefallen. „Es würde mir eine große Freude sein, in ein Haus ziehen zu dürfen.“ „Schön gesprochen, dann soll es so sein“ Menech lachte aus vollen Hals. „Aber wir müssen auch etwas besprechen. Setzte dich.“ Merire ließ sich auf einen der Polster auf den Boden sinken. „Hör mir gut zu. Schon in den nächsten Wochen werden meine Getreuen dafür sorgen, dass die Eine die Barke Re’s besteigt und uns verlässt“ Merire wurde es kurz schwarz vor den Augen und er muss tief durchatmen um wieder voll bei Sinnen zu sein. Sie machten also ernst und er war mitten drinnen in dem Komplott. „Nach den 70 Tagen der Trauer wird sie in ihr Grabmal gebracht. Das ist der Zeitpunkt an dem deine Aufgabe beginnt. Sobald sie in ihrem Grabmal Einkehr gefunden hat, wirst du mit deinen Freunden ihren Totentempel von allen Inschriften mit ihrem Namen befreien. Nirgends darf ihr Name stehen – denn solange der Name besteht, werden die Götter sie finden. Und das wollen wir doch alle nicht?“ Merire verneinte artig. Er wusste, um jemanden endgültig zu beseitigen, durfte nirgendwo der Name geschrieben stehen, nur so würden die Götter sie vergessen, aufhören nach ihr zu sehen. „In den 70 Tagen der Trauer wird mit Hochdruck daran gearbeitet werden, dass der Innenraum des Totentempels fertig wird. Und du mein lieber Merire wirst diese Zeit schon nutzen und dir merken, wo überall Hatschepsut, dieser grässliche Name eingemeißelt steht. Ihr werdet nicht sehr lange Zeit haben das alles zu erledigen. Wäre es nicht gut, wenn du deine Freunde nicht jetzt schon bei dir im Inneren des Tempels hättest? Sie könnten dir behilflich sein, all die Stellen zu finden und zu merken?“ Menech hatte recht, zu dritt wäre alles viel leichter und wenn er ihnen sagen würde, dass er dafür gesorgt hatte, dass sie jetzt auch im Tempel arbeiten dürfen, sie würden ihn nochmals mehr verehren, als es ohnehin der Fall war. Ja, es war eine gute Idee. „Großer Menech, es würde natürlich helfen und ich wäre sehr froh darüber. Eine Bitte hätte ich – darf ich der sein, der ihnen die gute Nachricht mitteilt?“ Menech schmunzelte. „Aber sicher, ich spreche mit dem Vorarbeiter und du kannst ihnen Morgen Bescheid geben und am nächsten Tag werden sie bei dir im Tempel sein. Und hier“ Menech nahm eine Papyrusrolle vom Boden auf und reichte sie Merire „damit ihr die Richtigen Inschriften findet“. Merire rollte den Papyrus auf und fand eine Reihe von Zeichen vor. „Hatschepsut steht hier geschrieben. Merkt es euch gut. Vielleicht ist das ja ein erster Schritt und ihr lern sogar noch schreiben.“ Menech war höchst amüsiert über seinen Witz und hielt sich den Bauch vor Lachen. „Wer weiß, wer weiß“. Merire konnte solche Scherze überhaupt nicht leiden, machte aber gute Mine zum bösen Spiel. Sein Großvater konnte schreiben und er hätte es wohl auch gekonnt, hätte man seiner Familie nicht so böse mitgespielt. Menech lachte noch immer heftig und deutete ihm nur, dass er gehen kann. Merire erhob sich wortlos und ging. Als er die Zeltplane etwas heftig zur Seite riss stand er einem jungen Amunpriester gegenüber der sehr erschrocken irgendwas von „Sollte...suche...weiß nicht wo..“ stammelte und damit bei Merire einen bösen Verdacht auslöste. Menech hatte die Sklaven weggeschickt, damit niemand von ihnen die Unterhaltung belauschen konnte. Hatte diese Priesterlei das ausgenutzt und spioniert? Und was konnte er jetzt tun? Merire hatte das Gesicht schon mal gesehen. Wo aber nur? Es fiel ihm nicht ein. Aber er kannte es. Zweifellos. Sollte er zurück zu Menech und ihm berichten? Er wusste nicht wer der Priester war und wohin er ging. Er musste ihm nachschleichen. Also erst einmal so tun als ob alles normal wäre und ihm dann folgen. Eigentlich müsste er zurück zur Arbeit, aber das hier ging wahrlich vor.
Merire stand vor dem Zelt und schaute dem Priester ins Gesicht. Nur nichts anmerken lassen.
„Kann ich dir helfen?“ fragte Merire beiläufig. „Nein, ich habe mich nur im Zelt geirrt.“
Merire verließ das Vorzelt nach dem Priester und blieb stehen. Der Priester ging weiter in Richtung der Zelte, wo Architekten und Beamte werkten. Merire wartete noch etwas ab und erst als er zwischen den Zelten verschwand folgte er ihm. Der Priester ging an der Vorderseite der Zelte entlang, Merire an der Rückseite. Zwischen den Zelten schaute er immer wieder durch, ob der Priester noch nicht in einem verschwunden war. Sie waren nun auf gleicher Höhe und Merire hörte den Priester die Wachen vor einem Zelt fragen, ob Senenmut anwesend sei. Senenmut, natürlich, jetzt erinnerte sich Merire, der Priester war des Öfteren mit Senenmut, dem großen Baumeister, auf der Baustelle gewesen. Umschwänzelte ihn. Speichellecker. Der Sklave verneinte. Sowie er auch die Frage verneinte, ob Senenmut wohl noch auf der Baustelle sei. Nein, er ist bereits vor einiger Zeit in Richtung Palast entschwunden. Es wurde eng. Hier konnte Merire noch immer eine Ausrede finden, aber in den Palast oder auch nur in dessen Nähe würde er nicht kommen. Einerseite musste er herausfinden was der Priester jetzt machen würde, denn unzweifelhaft hatte er spioniert und wollte Senenmut Bericht abstatten. Nur, was für einen Sinn hatte es wenn er dem Priester folgt? Früher oder später würde man ihn anhalten und wenn nicht hätte er nur die Bestätigung, dass der Priester Senenmut alles erzählt. Nein das führte zu nichts. Er musste zurück zu Menech. Gerade als Merire gehen wollte, kam aus Richtung der Baustelle ein Tross Menschen. Natürlich konnten sie Merire hinter den Zelten sehen, was aber kein Problem war. Problematisch war vielmehr, dass Merire glaubte zu erkennen, dass es Senenmut mit seiner Gefolgschaft war. Hatte der Sklave nicht gesagt, Senenmut sei schon im Palast? Er hatte sich wohl geirrt. Merire müsste sich sehr täuschen. Nicht viele wurden in Sänften über die Baustelle getragen. Er hörte den Priester an der Vorderseite des Zeltes mit einem der Architekten Senenmuts sprechen. Jetzt konnte er nicht mehr an der Rückseite des Zeltes bleiben, es würde auffallen, wenn ein Arbeiter so lange hinter einem Zelt steht und wartet. Also ging Merire zwischen die Zelte, ganz so, als ob er zur Vorderseite durch gehen würde. Sobald er jedoch außer Sicht des Trosses war, warf er sich auf den Boden und versuchte, sich wie eine Eidechse zwischen den beiden Zelten in den Sand zu buddeln. Er konnte jetzt diesen Platz nicht verlassen, soviel stand fest. Der Priester unterhielt sich weiter mit dem Architekten und der Tross war mittlerweile auf der Hinterseite so Nahe, dass Merire Senenmut deutlich erkennen konnte. Vorne trat der Priester jetzt mit dem Architekten unterm Vordach des Zeltes hervor und sie stellten sich genau zwei Schritte von Merire entfernt auf. Noch einen Schritt zurück und sie würden sowohl Merire als auch Senenmut sehen. Merire bedauerte den Moment wo er sich dafür entschieden hatte, dem Priester zu folgen. Sein Herz klopfte bis zum Hals und er traute sich nicht mehr zu atmen. Er presste sein Gesicht in den Sand, der ihm in Ohren und Nase kroch. Augen fest verschlossen höre er das Pochen seines Herzens. Allein das müssten sie jede Sekunde hören. Wumm, wumm, wumm hämmerte es in den Sand. Der Priester ging noch einen Schritt in die Richtung Merires. Er konnte seine Schritte im Sand spüren. Alles vorbei.
Merire hatte sich schon damit abgefunden entdeckt zu werden und versucht, sich eine Erklärung zurecht zu zimmern. Allein, er war so aufgeregt, dass ihm genau nichts einfiel. „Aber jetzt ist es höchste Zeit. Es war sehr interessant zu hören, wie gut ihr vorankommt. Bis zum nächsten Mal“ Der Priester hatte sich verabschiedet und stapfte in die andere Richtung davon. Merire war erleichtert. Wenn er sich jetzt nur zehn Schritte lang nicht umdreht dann würde Senenmut auf der anderen Seite hinter den Zelten verschwunden und die Gefahr für das Erste gebannt sein. Und so geschah es. Merire kroch auf allen Vieren hinten zwischen den Zelten hervor und beeilte sich zu Menech. Beim Zelt standen nun wieder zwei seiner Sklaven und hielten Merire auf. „Was willst du hier?“ „Ich muss dringend Menech sprechen“ „Du willst mit Menech sprechen. Als ob das an dir läge. Mit Menech spricht nur, wen Menech bittet zu sprechen. Und sonst niemand“ „Aber ich war gerade vorhin bei ihm drinnen“ „Wir wissen, und warum? Weil er dich holen ließ. Weil er mit dir sprechen wollte, nicht umgekehrt“. „Aber es geht um Leben und Tod, es geht um Alles“. Merire war verzweifelt. „Menech würde dich rufen lassen, wenn das, was du ihm zu sagen hast wichtig wäre. Und jetzt verschwinde dorthin wo du hingehörst, Felache“ Das war zuviel. Sich von einem Sklaven Felache schimpfen zu lassen, ihn, Merire, dessen Familie angesehen war, dessen Großvater einst am Hof des Pharao ein und aus gegangen ist. Er stieß den einen Sklaven zur Seite, dem anderen verpasste er einen Tritt und stürmte das Zelt. Menech saß mit einem seiner Priester zusammen. Sicherlich auch ein Verbündeter. Das Eindringen Merires trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. Die Sklaven hatten sich auch erfangen und standen hinter ihm. „Raus hier, bringt ihn sofort raus. Was glaubst du wer du bist?“ „Alles ist verraten. Wir wurden belauscht, großer Menech, du muss mich anhören“. Menech deutete den Sklaven inne zu halten. „Wir wurden belauscht“ flehend wiederholte Merire sich. „Belauscht“. Menech deutete den Sklaven den Raum zu verlassen und schickte den Priester ebenfalls raus. Zurück blieb ein von oben bis unten von Staub eingehüllter Merire und Menech, der ihm widerwillig zuhörte. „Nun gut dein Eindringen sei dir Verziehen“ Menechs Mine war noch immer säuerlich. Sicherlich beunruhigte ihn die Nachricht und darum schickte er ihn ohne Dankesworte weg. Undankbar, dachte Merire. Aber so verhielt man sich mit Arbeitern eben und letztlich hatte er grössere Sorgen als das.
Merire hatte eine schlaflose Nacht hinter sich. Erst machte er sich noch Gedanken was passieren würde weil er so lange von seiner Arbeit weg war. Dieser Gedanke legte sich aber bald - er war zu Menech beordert und die Unterredung hat eben so lange gedauert wie sie gedauert hat. Doch kaum hatte er diesen Gedanken zur Seite geschoben kam ihm das wirkliche Problem in vollem Umfang ins Bewusstsein. Der Priester würde früher oder später das Gehörte weitergeben. Vermutlich an Senenmut. Und was dann? Klar war, dass Menech und er in die Sache verwickelt waren und es würde nicht lange dauern, bis sie kommen würden ihn zu holen. Zum Glück war es nicht mehr lange bis zum Arbeitsende. Nichts ging ihm von der Hand. Die anderen Schreiner beäugten ihn aus den Augenwinkeln, keiner getraute sich etwas zu sagen. Nach der Arbeit wusste er nicht, ob er schnell nach Hause gehen oder sich Zeit lassen sollte. Es war einerlei. Entweder würden sie ihn noch heute von seiner Schlafstätte weg holen oder sonst Morgen von seinem Arbeitsplatz. Hoffnungslos. Aber er konnte fliehen. Einfach runter zum Nil und dann... ja was dann? Wie sollte er hier wegkommen. Er hatte nichts und man würde ihn eben zwei, drei Tage später schnappen. Er saß in der Falle und kein Weg führte heraus. Wie toll hatte der Tag begonnen. Erst die Zusage, dass er ein eigenes Haus bekommen würde, dann hatte er für Ipui und Paneb durchgesetzt, dass auch sie im Inneren des Tempels arbeiten dürfen. Er sah sich schon nach Hause kommen und gute Nachrichten verteilen. Und jetzt? Sein Leben war vorbei, kaum hatte es so ausgesehen, dass sich alles zum Guten wenden würde. Welch schwachsinnige Idee mit Menech gemeinsame Sache zu machen, sich auf dieses Unterfangen einzulassen. Sich daran zu beteiligen, den Pharao zu beseitigen. Wir konnte er nur glauben, dass alles reibungslos von Statten gehen würde, er so einfach einen besseren Posten, ein Haus bekommen würde. Hatte er geglaubt, das alles habe keinen Preis? Zum Glück waren Ipui und Paneb nicht bei ihrem Schlafplatz, er wollte sich nur verkriechen und nichts hören und sehen.