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Wieder Zurück

| Erinnerung an eine alte Zeit |

Wieder zurück
Nach unserem Ausflug zum Lake Batur habe ich wieder meine Klarheit. Wir genießen die verbleibenden Tage in trauter Zweisamkeit. Johanna hat aufgehört, mich im Schlaf zu besuchen und es gibt nur noch Iris, unsere Aufgabe und mich.

Der Rückflug verläuft ereignislos und nach 13 Stunden spuckt uns der Flieger wieder in die Kälte Europas aus. Iris beschließt gleich weiter zu fliegen und wir trennen uns noch im Transitbereich des Flughafens. Wir haben das schöne Wetter aus Bali mitgebracht, allein die Temperaturen sind ein paar Grad tiefer, ein paar Grad tiefer unter Null. Trotzdem genieße ich es den Wagen über die Autobahn zu jagen, hinein in einen strahlend blauen Himmel.

Über eine Kuppe noch und vor mir wird sich die kleine Stadt auftun. Eingebettet in ein Becken liegt sie da. Fad und ereignislos. Schöne Aussichten.
Ich hätte die Zeit in Bali nutzen können, mir eine Strategie zurecht zu legen, zu überlegen, wie es jetzt weitergehen soll. Hab ich nicht, war wohl keine große Herausforderung. Reicht jetzt auch noch. Also beginne ich mal die nächsten Schritte zu planen. Soll ich nach Hause fahren oder gleich mal ins Cafe schauen, durch die Stadt bummeln? Was sag ich wo ich war? Allein in Bali? Geht, aber da muss ich zu viele Geschichten drum herum erfinden. Wo kann ich sonst braun geworden sein? Schifahren. Super, Schifahren ist es. Und warum bin ich dann am ganzen Körper braun. Nacktschifahren? Also doch Bali. Geht ja eigentlich viel leichter. Ich sag einfach die Wahrheit und lass Iris weg. Punkt eins gelöst. Punkte zwei. Nach Hause oder nicht. Nach Hause.
Die Wohnung ist kalt und ungemütlich. Ich stelle die Tasche ab, schalte Musik an und gehe ins Bad. Heiße Dusche, frische Kleidung und dann weg. Mit gemütlich zuhause ist sowieso nichts, solange sich die Raumtemperatur von 15 Grad nicht wegbewegt hat.
Keine 20 Minuten später sitze ich in meinem Auto und ziehe Runden durch die Stadt. Trotz dem strahlenden Wetter sind kaum Menschen auf der Strasse. Es ist einfach schweinekalt. Bis das Loft mit seiner Raumhöhe warm sein wird braucht es sicherlich noch ein, eineinhalb Stunden, und solange herumzufahren hat auch keinen Sinn. Ich parke den Wagen und gehe ins Cafe. Es ist komplett voll und ich habe Glück. Vor mit steht gerade eine Familie mit zwei Kindern auf und ich lasse mich auf die Sitzbank gleiten, ein ganzer Tisch allein. Gerade recht. Mein süßes Dickerchen von Kellnerin steht sofort da und hat glücklicherweise keine Zeit mir auf die Nerven zu gehen. Kleiner Brauner. Ich greif mir eine Zeitung und versenke mich darin. Was könnte die 10 Tage schon passiert sein, was mich interessieren könnte? Nichts. Aber zum Zeitvertreib ist es recht. Ich lese Reiseberichte von Korfu, Rhodos und Kreta - grosser Griechenland Schwerpunkt.,

 

Dickerchen stellt den Kaffee auf den Tisch und ich lasse die Zeitung sinken. Direkt vor mir, gerade drei Tische weiter kämpft Rosa mit einem Ungeheuer von Oberstorte. Schwarzwälderkirsch, wenn ich recht sehe. Sie schaut auf, sieht mich und versenkt sich wieder in das Tortenstück. Ich verschanze mich hinter der Zeitung, beobachte über den Rand wie sie versucht, unauffällig zu mir zu schielen. Ist nicht gut für die Augen, denke ich mir. Als ich nach zwei Seiten Zeitungsklatsch wieder über den Rand luge, sehe ich Johanna neben ihr sitzen. War wohl auf der Toilette. Jedenfalls ist sie jetzt da und die beiden sind tuschelnd ineinander versunken. Unwillkürlich denke ich an Rosas Mundgeruch. Ob Kinder das nicht riechen? Ist ihnen wahrscheinlich egal oder sie sind es gewohnt. Wie auch immer. Rosa informiert Johanna offensichtlich über meine Anwesenheit. Ich beschließe die Zeitungsdeckung hoch zu halten und das hervorschauen zu lassen. Was es schwierig macht, meinen Kaffee zu trinken oder auch nur eine Zigarette zu rauchen.
Ich halte meine Stellung, lese jeden Artikel, sogar den Lokalteil mit Traffiküberfall und Geburtstagsjubiläen. Letztlich ist es mir dann aber egal. Ich lege die Zeitung weg und - auch sie sind weg. Gegangen. Der Tisch ist bereits wieder besetzt und Dickerchen nimmt die Bestellung auf.
Einmal durchgeatmet. Ich bestelle mir noch einen Kaffee und hol mir noch eine Zeitung. Ich suche nach Themen, die nicht schon in der anderen zur Genüge abgehandelt worden sind und noch bevor ich ewas finde, klatscht eine nicht zu identifizierende Kraft mir das Blatt ins Gesicht. Nicht nur, dass es einen riesen Lärm macht, wenn jemand mitten in eine großformatige Zeitung greift. Es erschreckt einem auch ohne Lärm zu Tode wenn sich die Zeitung selbstständig macht und über das Gesicht legt. Ich versuche mich aus der Umklammerung des Großformates zu befreien und nach kurzer Zeit gelingt es auch. Nicht weil die Zeitung nachgegeben hätte. Die Person dahinter hat nur einfach den Versuch, mich mit der Zeitung zu ersticken, aufgegeben.
Das ganze Lokal schaut, inklusive mir. Auf der Bank kniet Johanna und lässt langsam die Zeitung sinken. „Blödes, arrogantes Schwein". Ok, treffend. Ich grinse sie an und fürchte, die Zeitung ein zweites Mal ins Gesicht zu bekommen. „Danke für die Blumen" erwiedere ich. Das gleichfalls lasse ich auch weg. Zu gefährlich im Moment. Sie setzt sich neben mich. „Und?" „Was und?" erwidere ich. Weiß ja nun nicht wirklich genau, was sie wissen will. „Und, wo warst du die ganze Zeit, und, warum meldest du dich nicht, und warum bist du so ungut braun, und.." „Und, und und" setzte ich fort.
„Und ich sag und sooft ich will. Und? Problem damit?"
Ich grinse weiter. Sie wird mir eine knallen. Nein, doch nicht.
„Scheiße, tut mir leid. Wie geht es dir? Lange nicht gesehen, oder?" Johanna wird versöhnlich. Jetzt grinst auch sie
„Lange nicht gesehen" stimme ich ihr zu „darf ich dich auf einen Kaffe einladen?"
Sie kniet noch immer neben mir. „OK, oder kann ich auch eine heiße Schokolade haben?" Johanna setz sich neben mich. Wir reden Belangloses. Über das Wetter, dies und das. Kein Wort wo ich war, kein Wort was seit unserem letzten Abend hier im Cafe geschah. Obwohl es ihr auf der Zunge liegt spricht sie das alles nicht an und es geht uns auch relativ schnell der Gesprächsstoff aus. Nach weniger als 20 Minuten schauen wir beide auf die Uhr und ich zahle. Johanna lässt die halbvolle Tasse Schokolade stehen und geht mit mir. Vorm Cafe machen wir uns daran uns zu verabschieden. Kuss auf die Wange, mach's gut, du auch. Wir sind im Begriff jeder unseres Weges zu gehen. „War's das dann?" Johanna steht vor mir, beide Arme tief in die Jackentaschen gedrückt, als ob sie dort Griffe hätte, auf denen sie sich aufstützen könnte.
Johannas Frage macht alles einfacher, ich wäre jetzt gegangen. „Komisches Ende, irgendwie". Johanna setzt nach. Sie weiß noch nicht, dass es erst aus sein wird, wenn ich es sage. Es liegt nicht in ihrer Hand. Also komme ich ihr entgegen. Es ist sinnlos, diesen Zustand zu halten, weil es zu nichts führt und es völlig Wurscht ist wer nachgibt. Dieses Spiel muss ich nicht gewinnen. Letztlich war ich es der alles dorthin gebracht hat und ich verstehe ganz gut, dass sie jetzt nicht weiter kann, als bis hierher.
„Was machst du am Abend?" „Werde mit Joachim und Ernst weggehen, wieso?" Johanna versucht die coole Nummer, hat keine Ahnung warum ich sie fragen könnte. Sei's drum.
„Dachte wir wollen vielleicht Essen gehen".
Mein letzter Versuch ihr entgegen zu kommen.
„Geht auch, kann ja zu Ernst und Joachim auch nachkommen, wohin möchtest du?"
Als ob es soviel zur Auswahl gäbe. Am angenehmsten ist noch der Italiener, also schlage ich ihn vor.
„20.00h beim Italiener?"
„OK"
Kurz und bündig, sie dreht sich um und stapft davon.


Das Glas Proseco ist fast leer, ich rauche die zweite Zigarette und es ist bereits 20.15h. Rache ist süß. Johanna versetzt mich. Ich bestelle mir noch einen Proseco und gebe mir 10 Minuten. Oder bis der Proseco getrunken ist.
Sie kommen zeitgleich - der Kellner mit dem Glas Proseco und Johanna. Sie schaut umwerfend aus. Der Kellner nimmt ihr den schwarzen Rauledermantel ab, darunter trägt sie eine schwarze, eng geschnittene Bluse, die ihre Brüste sehr betont und eine schwarze Hose. Auf Lippen und Fingernägel Rouge Noir.
„Sorry for delay, aber mir ist die Autobatterie eingegangen und Joachim hat mir schnell eine neue eingebaut. Zum Glück hat er ja ein Ersatzteillager wie eine Autowerkstätte in seiner Garage". „Kein Problem". Ich stelle ihr meinen Proseco hin und deute dem Kellner einen weiteren zu bringen. Der Proseco kommt und der Kellner ratscht die Empfehlungen vom Tag herunter. Wir entscheiden uns für einen Seeteufel für zwei und Salat. Keine Vorspeise und Wein nur glasweise, weil Johanna ja mit dem Wagen da ist. Und ich auch.
„Welchen Zustand haben wir jetzt?" Ich wollte eine ähnliche Frage stellen, Johanna war zuerst, also ist es an mir zu antworten. „Wir haben uns vor gut zwei Wochen wegen einer Kleinigkeit gestritten und seitdem nicht gesehen. Unser Zustand ist der, den man hat, wenn man sich in einer Beziehung streitet und dann ein paar Tage nicht sieht". Es war das erste mal, dass ich das Wort Beziehung in Bezug auf Johann und mich verwendet habe und dieser Umstand lässt Johanna offensichtlich aufatmen.
Trotzdem stellt sie noch eine rethorische Frage „Soweit so klar. Und war es das jetzt?"
„Für mich nicht und für dich?"
Johanna schüttelt den Kopf, greift über den Tisch und nimmt meine Hände.
„Für mich definitiv nicht, so leicht kommst du bei mir nicht davon. Und die Farbe?"
„Ist super, oder? War für ein paar Tage in Bali. Musste einfach raus. Das Wetter, der Streit mit dir. War unbedingt notwendig für ein paar Tage wegzufahren." „Klar, muss ein paar Tage raus, fahr mal eben nach Bali".
Sie klingt nicht böse, eher amüsiert. Ich darf ihr das eine oder andere von Bali erzählen, sie zeigt sich enttäuscht, dass ich mir nicht mehr angesehen habe, der lange Weg und so. Ich erkläre, dass es mir nur um die Sonne, die Wärme, die Tropen gegangen ist und sie zeigt so etwas wie Verstehen.
Zum Glück ist sie keine Person die sehr genau über alles Bescheid wissen muss. Vielleicht weil sie weiß, dass ich ihr ohnehin nur das erzähle, was ich erzählen will. Vielleicht weil sie manches gar nicht wissen mag. So weiß sie nichts über meinen Job - den ich nicht habe - aber ein paar Worte wie „Handel mit bla, bla, bla, Import Export bla bla bla" haben gereicht und das Thema beendet. Genauso wie sie noch nie bei mir in der Fabrik war. Natürlich hat sie schon mal gefragt wo ich wohne und ich hab ihr das Viertel genannt. Unweit von der Fabrik gibt es seit ein paar Monaten eine kleine Anlage mit Mietwohnungen und Johanna nimmt sicherlich an, ich habe dort etwas gemietet. Nachdem sie ohnehin nicht auswärts schlafen darf ist es ihr wahrscheinlich recht, dass wir nie bei mir sind, und sie nicht in die Verlegenheit kommt, zu erklären, warum eine 24jährige Frau nicht über Nacht wegbleiben, Freunde nach Hause bringen darf, ja K. nicht einmal wissen darf, dass wir eine Beziehung haben. Noch immer bin ich der Freund von Joachim. Rosa weiß über uns Bescheid. Zumindest müsste sie Bescheid wissen, wenn sie nicht mit beiden Augen wegschaut. Aber auch da könnte sein, dass sie es gar nicht wissen will.
Der Fisch wird serviert und ich esse mit großem Appetit. Schmeckt zwar nicht so frisch wie auf Bali, aber für hier recht ordentlich.
„Und wie geht es Joachim?" „So la, la. Im Moment ist die Stimmung wieder mal zum Zerreißen. Ein Skandal jagt den anderen. Joachim hat sich wieder einmal um ein Schweingeld einen neuen Verstärker gekauft statt endlich was auf die hohe Kante zu legen. K. meint, dass der erste Weg zu einer Frau und damit zu einer Familie über ein Haus oder Wohnung führt. Nur wie soll Joachim sich je ein Haus bauen, wenn er keinen Groschen erspartes hat? Eben. Geht nicht. Und K. hätte ihn lieber heute als morgen als dem Haus. Es geht im auf die Nerven, wie er sich an die Rockzipfel von Rosa hängt und sie ständig gegen ihn verteidigt und umkehrt. Hat wieder ein paar handfeste Fetzereien gegeben." Fein, fein, fein, denke ich mir. Wird ja alles. Iris ist „in control" wie es scheint.
„Und noch eine Neuigkeit gibt es - ich werde mir eine Wohnung kaufen" Johanna strahlt über das ganze Gesicht. „Ja, ich kaufe mir eine Wohnung, funkelnagelneue Wohnung. Hab sie mir schon angesehen und mit der Bank gesprochen. Geht sich alles aus. Mit etwas Glück wohne ich in drei, vier Wochen schon drinnen. Wenn du willst können wir sie uns danach ansehen. Hab die Schlüssel vom Makler übers Wochenende bekommen."
Nach dem Essen trinken wir aus, lassen uns noch eine Flasche Proseco zum Mitnehmen kommen und borgen zwei Gläser. Der Einweihungsparty steht nichts mehr im Wege.
Die ganze Anlage ist noch eine Baustelle. In der einen Hand eine Taschenlampe, unterm Arm eine Decke, in der anderen eine Plastiktasche mit Proseco und Gläsern, balancieren wir über Bretter am Boden zum Eingangstor. Johanna sperrt auf und wir sind im Stiegenhaus, zwei Stockwerke hoch und wir stehen vor Johannas zukünftiger Wohnung.
Die Eingangstür führt in einen Gang, der gleichzeitig das Vorzimmer bildet. Links und rechts gehen Türen weg. „Hierhin kommt das Schlafzimmer, hier das Bad und das ist die Toilette. Geradeaus mündet der Gang in einen riesigen Raum, dessen Vorderseite komplett aus Glas ist und über diese ganze Vorderseite zieht sich eine breite Terrasse. „Voila, was sagt der Herr?" Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, aber ich weiß dass sie vor Stolz über das ganze Gesicht strahlt. „Supertoll, echt eine coole Wohnung, gratuliere." Leucht hier hin, und da kommt der Esstisch und hier die Küche, leucht mal. Johanna ist total aufgekratzt und glücklich. Und ich freue mich für sie. Ich nehme sie bei der Schulter, sie dreht sich um und es tut gut, sie in den Armen zu halten, sie zu küssen. „Wollen wir mit der Party starten?" Sie nimmt mir die Decke aus der Hand und breitet sie auf den Holzboden. Ich öffne den Proseco und stell die Taschenlampe ab. Hätten uns Kerzen mitnehmen können. Wir trinken auf die Wohnung, wir küssen uns, wir halten uns und wir stellen sehr bald fest, dass es urkalt ist - in dieser ungeheizten, halbfertigen Wohnung.
„Scheißkalt hier, oder?" „Stimmt leider, was machen wir mit dieser Erkenntnis?" „Wir können ja auch zu mir fahren". Die nächste Überraschung an diesem überraschungsvollen Tag. Johanna zeigt sich erstaunt. „Zu dir?". „Ja, zu mir, warum nicht?". „Weil du in den ganzen Wochen seit wir uns kennen, nie angeboten hast, dass wir zu dir fahren. Erst dachte ich ja, du hast eine Freundin mit der du zusammen wohnst. Und dann hab ich nicht mehr darüber nachgedacht. War mir kein Thema und du hast sicher deine Gründe gehabt es nicht zu tun". Ja, ich hatte meine Gründe es nicht zu tun und ich habe meine Gründe, es jetzt zu machen.
Also bugsiere ich Johanna zur Fabrik. Es ist ihr definitiv nicht geheuer, als wir an meiner vermeintliche Wohnhausanlage vorbei fahren, die schmale, von Schlaglöchern übersäte Strasse weiter und schließlich in die alte Fabrik einbiegen. „Was soll das? Machen wir jetzt auf Teenager im Wagen?". „Hier wohne ich, sorry." Johanna ist überzeugt, dass es sich um einen schlechten Scherz handelt. Solange, bis wir uns dem Eingangstor nähern und die Bewegungsmelder die Scheinwerfer einschalten. Johanna hält den Wagen an und starrt auf das rostige Eingangstor. Ich steige aus und sperre das Tor auf. Johanna sitzt noch immer im Wagen. Einladend lächle ich sie an, breite die Arme aus und versuche einen Knicks. „Madam, sie können ruhig kommen, es wird ihnen hier nichts geschehen". Widerwillig steigt Johanna aus dem Wagen und folgt mir zum Lift. Erst als wir aus dem Lift steigern und sie sieht, dass wir uns tatsächlich in einer Wohnung befinden entspannt sie sich wieder. Ich lege Miles Davis's „Sketches of Spain" auf. In diesem unglaublichen Arrangement von Gil Evans. Die Schule von Joachim.
Ich hole uns eine Flasche Proseco aus dem Kühlschrank und wir machen es uns am Sofa gemütlich. Johanna mustert die Wohnung, verliert jedoch kein Wort darüber.
„Was sagt eigentlich K. über deine Wohnungspläne?" „Das ist leider der einzige Haken an der Sache. Er weiß noch nichts davon. Eigentlich wollte Rosa es ihm bei gutem Wind sagen, aber leider war permanente Sturmwarnung und damit keine Gelegenheit dazu. Tatsache ist, dass ich Morgen den Kaufvertrag unterschreibe und damit ist es geschehen. Was soll er machen? Wird ein wenig toben und sich wieder beruhigen." „Bist ganz schön cool, find ich". „Mach mir eh in die Hosen, aber irgendwann muss ich mich auf meine eigenen Beine stellen. Und jetzt ist es eben so weit. Basta".
Wir trinken Proseco und schmusen am Sofa herum. Wir streicheln uns, halten uns. Johanna zieht mir meinen Pulli über den Kopf und ich nehme sie an der Hand und führe sie ins Schlafzimmer, ziehe sie auf das riesige Futon. Wie ziehen uns langsam aus und lieben uns bedächtig. Natürlich ist es nur ein Job, aber darum darf es doch ruhig auch Spaß machen. Und es macht diesmal tatsächlich großen Spaß. Der Sex mit Johanna hat etwas Sanftes, Entspanntes, Beruhigendes. Was ich meist als fad empfand, heute genieße ich es sehr. Wir liegen nebeneinander am Bett und schauen gegen die Decke.
Für einen Augenblick kommt mir Eva in den Sinn. Das erste Mal seit langem. Komisch. Hatte sie schon komplett vergessen, oder zumindest verdrängt.
„Ich werde dann mal, ist schon ein Uhr und ich muss ins Bett". Johanna holt mich ins Jetzt zurück
„Hey, du bist im Bett und ich denke es kann keinen Grund dafür geben, dort nicht zu bleiben. Und morgen mach ich dir ein tolles Frühstück". „Geht nicht. Und ich denke du weißt das". „Aber hast du nicht gerade gesagt, du musst beginnen dich auf eigene Beine zu stellen? Das wäre mal ein erster Schritt". Ich beginne ihren Nacken zu streicheln, küsse sie auf den Hals. „Das ist ein erster Schritt. Recht so. Was soll schon sein. Ich bin 24 und längst erwachsen. Oder?". Es bedarf keiner Antwort - Johanna macht sich Mut. Ich küsse sie lang und feucht, sie dreht sich um und schiebt ihren Rücken an meinen Bauch. Wir sind auf einem guten Weg.


Es ist nicht einmal 7h und ich bin wach. Jet Lag. In Bali ist es jetzt bereits Nachmittag, also hab ich ohnehin lange geschlafen. Johanna liegt zusammengerollt im Bett, ich schaue sie eine Weile an und stehe auf. Frühstück hab ich versprochen und Frühstück werd ich machen. Erst den Kaffee machen, Orangensaft presse ich später, die Maschine macht einen Höllenlärm. Ich nehme ein Baguette aus dem Tiefkühlfach und stecke es in das Backrohr. Ich werfe ein paar Scheiben Schinken in die Pfanne und schlage Eier drüber. So, nun werd ich Johanna holen. Ich dreh mich um und sie steht in der Schlafzimmertür. Die Fäuste gegen den Brustkorb gepresst streck sie die Ellenboden wie Flügel in die Höhe. „Guten Morgen Herr Frühstückskoch. Riecht ja phänomenal nach Superfrühstück". Sie kommt auf mich zu und drückt mich an ihre Brust. „War eine Superidee hier zu bleiben. Hat eine eigene Qualität. Noch toller wäre es gewesen, wenn du beim Aufwachen noch im Bett gewesen wärst". Leichtes Bedauern in der Stimme. „Sorry, aber der Jet Lag hat mich raus getrieben". „Schon gut, hat ja auch was Gutes - es gibt Frühstück". Ich teile die Schinkeneier auf zwei Teller und wir setzen uns an den Esstisch.
Das gemeinsame Frühstück kann Johanna noch genießen, danach wird sie total nervös. „Muss jetzt aber abrauschen, wird eine Supersonntag werden - bin gespannt wie heftig die Reaktion auf mein erstmaliges Ausbleiben ausfällt. Werd's überleben, hoff ich zumindest". Johanna hat echt Stress und Angst davor, was sie erwartet.
„Klar, kein Problem, kannst du mich noch in die Stadt mitnehmen, mein Auto steht noch dort". „Ja, sicher". Johanna antwortet abwesend. Sie zieht ihre Jacke an und nimmt mich an der Hüfte. „Also dann, werd jetzt". „...und kannst du mich in die Stadt mitnehmen?". „Warum willst du in die Stadt?" Komplett von der Rolle. „Weil mein Auto dort ist. Wenns möglich ist". „Klar, musst ja nur sagen".
Wir fahren schweigend in die Stadt zurück und Johanna hält vorm Italiener. „Sehn wir uns am Nachmittag?" Ich möchte natürlich wissen, was jetzt passieren wird. „Am Nachmittag?" „Ja, Nachmittag, so nennt man die Zeit nach Mittag". Keine Antwort. „Ok, dann tschüss". „Warte, wann sehen wir uns? Um 14.00h im Cafe?". Ich küsse sie auf die Wange, nicke und steige aus. Langsam rollt sie weg. Ich steig in meinen Wagen und fahre nach Hause zurück.

Das Treffen bei Claire
Cuba war der erste Urlaub, seit ich im Reisebüro arbeitete und das waren immerhin schon mehr als zwei Jahre. Erst musste ich mich einarbeiten. Dann wollte ich schnell weiterkommen und als sich die Gelegenheit ergab, die Abteilung für Pauschalreisen zu verlassen um in die Abteilung für Linienflüge zu wechseln, verzichtete ich gerne auf meinen Urlaub. Mein großartiges Gehalt tat ein Übriges dazu das Durcharbeiten leichter zu machen. Eine Reise ging sich trotz Sonderkonditionen nicht aus.
Für einen Aussenstehenden muss mein Leben in der Stadt ziemlich trist gewirkt haben, für mich war es OK. Ich sah das Alles als eine notwenige Zwischenstation auf einem Weg, und ich wollte sie so schnell wie möglich hinter mich bringen. Obwohl ich keine Ahnung hatte, wohin mich dieser Weg führen wird, war mir sonderbarerweise klar, dass ich ihn gehen muss.
Aus Geldmangel verbrachte ich viel Zeit zuhause. Bücher aus der Bibliothek, Musik hören, ein wenig zeichnen und malen. Weg ging ich selten. Nur wenn wieder einmal ein Reiseveranstalter seine neuen Programme vorstellte ging ich hin. Einerseits interessiert mich, was es Neues am Markt gab, andererseits gab es dort kostenloses Essen und Trinken. Von solchen Veranstaltungen kannte ich auch die paar Freunde die ich hatte. Heute würde ich sagen, es waren Bekannte, doch damals waren es meine Freunde. Ich hatte ja sonst niemanden und wer ist schon gerne ohne Freunde?
Wir kannten uns von den so genannten Programmpräsentationen und trafen uns auch nur dort. Außerhalb dieser Anlässe hatten wir kaum Kontakt. Und so war es auch mit Mädchen. Nachdem ich nicht weg ging kannte ich nur Kolleginnen aus der eigenen Firma und einige Frauen aus anderen Reisebüros. Wir trafen uns immer wieder auf den Veranstaltungen, plauderten miteinander wenn wir zufällig am gleichen Tisch saßen und das war es auch schon. Ich hatte schlichtweg Angst, mir ein Date auszumachen. Was wenn sie nein sagte? Allein bei dieser Vorstellung bekam ich schweißnasse Hände und ich war davon überzeugt, dass die Chance, sich einen Korb einzuhandeln, viel größer war, als einen Erfolg zu landen. Wäre ich mit mir weggegangen? Eher nicht.

Die Wochen vergingen wie im Flug, im Reisebüro war ständig viel zu tun. Ständig zuwenig Personal und zuviel Geschäft. „Besser als umgekehrt" pflegte der Besitzer zu sagen. Sicher, für ihn schon. Für uns nicht, oder eben für uns auch. Wir hatten einen sicheren Job und ich war beschäftigt, was mich vom Nachdenken abhielt.
Zuhause saß ich dann aber doch immer wieder, ließ mir die Geschehnisse von Cuba hunderte Male durch den Kopf gehen. Reden konnte ich mit niemand darüber, jeder hätte mich für verrückt gehalten. Also behielt ich es für mich und versuchte nur, mich nicht noch verrückter zu machen.
An einem dieser geschäftigen Nachmittage im Reisebüro kam Eva aus der Abteilung für Pauschalreisen zu mir an den Schalter, lehnte sich an den Schreibtischrand und begann zu plaudern. Sie war etwa so groß wie ich, hatte braune, glatte, schulterlange Haare und einen dicken Busen. Ich hatte ein-, zweimal überlegt, sie zu fragen, ob sie mit mir auf einen Kaffee gehen würde, es aber jedes Mal gelassen. Nun lehnte sie an meinem Schreibtisch und erkundigte sich wie es mir geht, wie mein Urlaub war. Was will sie nur, fragte ich mich und die Antwort kam postwendend.
Eine Kundin von ihr wollte nach Cuba, sie bot an, mich zu bitten, ihr Näheres zu erzählen. Das lehnte sie ab. Stattdessen ersuchte sie meine Kollegin um meinen Namen - sie wolle mich zu einem kleinen Beisammensein bei sich zuhause einladen. Und dann kann ich ja über Cuba erzählen. Eva wollte mich darüber informieren und das war es schon.
Allein der Name Cuba brachte einen Packen Emotionen hoch, der Gedanke daran, zu wildfremden Menschen in die Wohnung zu kommen und dort Reisevorträge zu halten machte es nicht besser. All das wollte ich aber Eva nicht sagen. Mal sehen was da kommt. Kann mir ja noch immer eine Ausrede einfallen lassen.
Eva fand es cool dass ich mit einem einfachen „Kein Problem - für dich mach ich das gerne" antwortete und schon war sie wieder bei der Türe draußen.

Ich hatte die angekündigte Einladung schon längst wieder vergessen, als diese plötzlich auf meinem Tisch lag. Frau Claire Longes würde sich freuen, wenn ich zu einem gemütlichen „Get together" zu ihr kommen würde. Alles mit schwarzer Tinte fein säuberlich auf einem weißen, postkartengrossen Stück Bütten geschrieben.
Tut mir total leid, aber genau zu diesem Termin habe ich leider schon was ausgemacht. Blöd aber auch. Hat sie leider Pech, die gnädige Frau Longes. Ich war gerade dabei die Einladung in der Mitte durchzureißen als ich über die Worte „mit Begleitung" lass. Mit Begleitung - bestens. Die liebe Frau Eva wird jetzt keine Ausrede haben, mit mir wegzugehen. Immerhin ist Frau Longes ihre Kundin. Würde mich interessieren, was ihr dazu einfällt um nicht mitzugehen.
Ich schnappte die halb durchgerissene Einladung und ging hinunter zum Schalter, an welchem Eva saß. Sie war gerade dabei, einem Kunden Italienprospekte zusammen zu suchen. Ich wartete kurz und schon sah sie mich fragend an. Ich schwenkte die Einladung vor ihrer Nase. „Deine Kundin bitte uns zu sich" Der fragende Blick wurde noch fragender. „Frau Longes, Cuba" "Ok, jetzt weiß ich wenigstens wovon du sprichst. Was heißt uns?" „Uns heißt, dass du da sicherlich mitgehen wirst. Hab echt keine Lust allein hinzugehen." Ihr Blick lies jede Begeisterung vermissen. „ Wann soll das sein" Eva begann in ihrem Kalender zu blättern. Am kommenden Freitag stand genau nichts. „Hab ich eigentlich nichts vor, aber auch keine Lust zu der Longes zu gehen." „Und warum sollte ich Lust haben?" „Das ist ein Argument. Also OK. Wir gehen gemeinsam." Der nächste Kunde kam auf uns zu und ich verließ den Verkaufsraum. Keine Lust Prospekte zu verteilen.

Plötzlich hatte die Vorstellung zu dieser Einladung zu gehen nichts Bedrohliches mehr. Ich vergaß sogar, dass ich dort etwas erzählen sollte. Dominierend war der Gedanke, dass Eva mitkam. Wir Gelegenheit haben würden, uns zu unterhalten und vielleicht später noch gemeinsam auf einen Drink zu gehen. Alles war gut und viel versprechend. Auch hatten wir plötzlich etwas zu reden wenn wir uns im Büro sahen. Kurze Sätze nur, aber eben was Gemeinsames. Fast ein Geheimnis, den die anderen hatten keine Ahnung um was es ging. Eine kleine Verschwörung im Reisebüro.

Am Donnerstag bad mich Eva zur Vorbereitungsbesprechung in den Aufenthaltsraum. Die Fragen was anzuziehen und was mitzubringen waren zu klären. „Ich würde sagen, du ziehst Jeans und ein Sakko an, ich werde einen eher sportlichen Rock, Bluse und Blazer nehmen. Passt dir das?" Es passte mir. Wir einigten uns darauf Blumen mitzubringen und gleich vom Büro hinzufahren. Es sollte um 19.00h beginnen und wir hatten des Reisebüro bis 18.00h offen. Darum auch die Besprechung am Vortag. Eva musste bereits mit der richtigen Kleidung ins Büro kommen.

Freitag sahen wir uns so gut wie nicht. Die ganze Welt dachte an Urlaub und stürmte das Büro. Wir hatten alle kaum Zeit zum schnaufen, geschweige denn, den Platz zu verlassen. Mit Mühe schafften wir es um 18.15h raus zu kommen.

Wir nahmen uns ein Taxi und waren gerade mal 5 Minuten vor 19.00h vorm Haus der Longes. Es war ein einstöckiges, altes Haus. Biedermeier schätze ich. Ich läutete zweimal und oben öffnete sich ein Fenster. „Aufgepasst, der Schlüssel kommt". Und schon flog ein riesiger Schlüssel von oben herab. Ich hütete mich ihn aufzufangen, er hätte mir glatt die Hand abgeschlagen, und so ließ ich ihn auf den Gehsteig knallen. Er päppelte auf und hüpfte noch zweimal links und einmal rechts bevor er zum Liegen kam. „OK, gleich nach dem Eingang die Stiegen links rauf in den ersten Stock".
Ich hatte Mühe mit dem riesigen Schlüssel das noch riesigere Holztor aufzusperren, letztlich schaffte ich es und wir gingen die Treppe hoch in den ersten Stock. Unsere Gastgeberin stand am Treppenansatz und bat uns in die Wohnung. Frau Longes war eine elegante Dame Anfang Vierzig, nicht sehr groß, etwas mollig. Gemühtlich sahen sie aus, Frau Longes und die Wohnung. Wir legten ab und wurden durch eine Flügeltür in den Salon geführt. Wir waren die ersten. Hoffentlich nicht die einzigen, dachte ich mir. Die Wände waren überladen mit Bildern verschiedener Stile und Epochen, vom zeitgenössischen Druck zur alten Radierung. Alles bunt gemischt. An der rechten Wand war das Buffet aufgebaut. Alles kalte Leckereien. Schinken, Würste, Fallafel, verschiedene Aufstriche, Brot, Käse. Dürften viele Leute erwartet werden. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großer, schwarzer Flügen, der gut ein Viertel des Salons ausfüllte. An der Fensterseite nach vorne dann zwei Sofas und zwei Hocker um einen Kaffeetisch.
„So nehmen sie doch Platz. Oder vielleicht vorher das formale. Ich bin Claire." Sie reichte uns nacheinander die Hand und wieder holte jedes mal ihren Namen und damit war Frau Longes zu Claire geworden. Auch gut.
Wir setzten uns und Claire versorgte uns mit zwei Glas Sekt. Eva mit, ich ohne Orangensaft. Wir saßen keine zwei Minuten als es wieder läutete und Claire den Schlüssel abermals der Erdanziehung überließ. Die nächsten Gäste waren zwei Damen im Alter Claires. Sehr gepflegt. Die eine im grauen Kostüm die andere im blauen Kleid. Und beide arbeiteten für die französische Botschaft und waren auch waschechte Französinnen. Dann kam noch die ganz kleine, ganz dicke Ulli in schlecht sitzenden Hosen und zu engem Pulli.
„So, nun sind wir fast komplett." Wir saßen um den Kaffeetisch, tranken Sekt, Wein und Ulli ein Bier. Smalltalk über Wetter und wie es kam, dass Eva und ich hier sind. Ich wurde als großer Kenner von Cuba präsentiert und bekam das mulmige Gefühl, dass ich dieser Rolle nur sehr schwer gerecht werden könne.
Claire war eine großartige Gastgeberin. Niemals war ein Glas leer oder der Aschenbecher voll. Und damit war sie ständig auf den Beinen. Die eine Französin erzählte gerade von ihrem Heimurlaub an der Cote d' Azur als alle Blicke Richtung Tür wanderten und Claire in ein verzücktes „Oh, Madam doch schon früher da. Fein dass es nicht so spät geworden ist". Auch ich drehte mich um und hatte das Gefühl eine linke Gerade gefolgt von einem Uppercut zu bekommen. Tatsächlich rutschte ich vom Hocker und konnte gerade verhindern, dass ich der Länge nach am Boden lag. Mit letzter Kraft hielt ich zumindest den Oberkörper aufrecht.
„Der junge Mann hat das öfters." Ein feines Lächeln umspielte Iris Mund als sie vor mich trat um mir aufzuhelfen. „Schön wenn der bloße Anblickt die Männer schon zu Boden schickt. Hallo, schön dass wir uns sobald schon wieder sehen".

Die gesamte Runde war verzückt ob des Umstandes dass wir uns kennen. „Sag nicht, dass ist der junge Mann, der dir im Flugzeug in die Arme gefallen ist?". „Doch, dass ist er, mein Flirt auf dem Weg nach Madrid, der mich so schändlich sitzen hat lassen, nachdem ich ihm mit Champagner das Leben gerettet habe."
Eva war verdutzt, schaut mich aber voll Bewunderung an, was mich beruhigte, denn ich war der Meinung, dass sie sich wegen meines Auftrittes oder besser Hinfalls eher genieren würde.
Iris setzte sich vis a vis von mir. Sie sah wieder umwerfend aus. Wieder ganz in schwarz. Hose und Pulli. Mir war noch immer ziemlich mulmig zumute und meine Gedanken kreisten wieder um Cuba und das Erlebte. Alles war wieder total durcheinander. Warum stand Iris plötzlich in der Tür, ohne dass der Schlüsse hinab gefallen war. Warum bat Claire uns hierher, wo Iris Cuba hundertmal besser kennt als ich? Mein Unbehagen wuchs. Doch damit war ich allein. Der Rest inklusive Eva amüsierte sich prächtig. Man trank und quatschte über Gott und die Welt. Nur nicht über Cuba. Was mir letztlich auch ganz recht war.
Als Claire erklärte, dass Iris nur für ein paar Tage aus Cairo nach Wien gekommen ist und bei ihr wohnt. Dass sie nicht wusste, dass Iris Cuba bestens kennt und dass sie sich seit zehn Jahren das erste Mal wieder gesehen haben. Zufällig vor ein paar Wochen in der Stadt über den Weg gelaufen. Obwohl Iris doch öfters hier ist. Als das Alles am Tisch war, entspannte ich mich wieder. Der Alkohol tat das seine und ich fühlte wieder Leben in mir. Das Buffet war längst eröffnet und Eva ließ mich von ihrem Teller mitnaschen. Ich hatte keinen großen Appetit, aber ein Paar Bissen beruhigten den Magen.
Iris lächelte mich immer wieder vielsagend an, zwinkerte mir einmal verschwörerisch zu und führte im Übrigen das Gespräch. Sie gab die Themen vor, erzählte vom unerträglichen Verkehr Cairos und wie vergammelt die Schätze im Nationalmuseum waren. Wie korrupt das System und wie glücklich sie trotzdem in dieser Stadt war, natürlich kein Vergleich mit hier, aber Cairo ist eben ihre Heimat und darum wird sie es immer lieben.
Eva und ich hatten eine starke Verbindung auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners - beide hatten nicht sehr viel zum Gespräch beizutragen, also zeigten wir für einander Verständnisse und das verband uns auf eine angenehme Weise.
Also wir uns nach Mitternacht als Erste verabschiedeten, waren wir beide froh es hinter uns zu haben, alberten Händchen haltend die Treppe hinab. Umarmeten uns kurz. Überstanden.
Vorm Haus überlegten wir kurz wie wir nach Hause kommen würden. Die Gasse links führt auf eine der größeren Strassen und dort hatten wir Chance auf ein Taxi. Eva wohnte in derselben Gegend wie ich und so beschlossen wir, noch auf einen Gutenachtdrink zu gehen sobald wir in unserem Viertel waren.

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